Veröffentlicht in Persönlichkeit

Introvertiert und Introvertiert gesellt sich gern…

Vor kurzem haben mein Mann und ich uns den Dokumentar-Film „Expedition Happiness“ angeschaut. (Dass ich ständig von Dokumentar-Filmen schreibe und rede liegt wahrscheinlich daran, dass ich sie sehr mag. Sorry.) Schon als wir den Trailer im Kino gesehen haben, waren wir begeistert: Ein junges Paar geht auf Reisen, von Nord- bis Südamerika, mit einem umgebauten amerikanischen Schulbus, Hund, und weitestgehend ohne Plan. Sie Entdecken die Schönheit der Natur, kämpfen mit technischen Schwierigkeiten, kulturellen Herausforderungen, erfahren Gastfreundschaft und lernen Neues – nicht zuletzt über sich selbst. Mein Mann und ich sind fasziniert von Menschen, die einfach das machen, wovon sie begeistert sind. Die Risiken eingehen, weil sie von etwas überzeugt sind. Auch hier sind wir wieder erstaunt: Wow, die beiden ziehen das einfach durch! Sie investieren eine Menge Geld in den Bus, bauen ihn komplett selbst um und fahren einfach los – ohne zu wissen, ob sie über die Grenze kommen, ob der Hund die ganze Reisesache mitmacht und so weiter. Dann denken wir ganz unwillkürlich: „Man, wie cool! Warum machen wir sowas eigentlich nicht?“ Wir sind uns einig, dass wir dazu nicht in der Lage wären. Früher waren wir dann ein wenig traurig und dachten, dass wir schlicht nicht mutig genug sind. Heute sehen wir es ein wenig anders…

Ziemlich genau vor einem Jahr haben mein Mann und ich unseren Urlaub in Griechenland verbracht – unser luxuriösester und wohl auch der schönste bisher. Wir konnten hundertprozentig entspannen, abschalten, Sonne baden, spazieren, essen und co. Eigentlich gab es nur eine Herausforderung in diesem Urlaub: Kommunikation. Nein, keine Sorge, nicht unsere Kommunikation miteinander – sondern die mit dem Personal des Hotels. Noch nie hatten wir in einem so schicken Hotel genächtigt und gespeißt. Damit ging allerdings auch einher, dass gewisse Sitten und „Regeln“ herrschten, die uns nicht unbedingt geläufig waren. Keine Frage: Es hat Spaß gemacht, sich für jedes Abendessen schick zu machen, Rotwein zu trinken und zivilisiert mit Kerze auf dem Tisch einander gegenüber zu sitzen. Die Angestellten waren alle sehr freundlich und herzlich. Von einem „steifen“ Hotel kann nicht die Rede sein. Doch woher soll man zum Beispiel wissen, dass man den Wein erst einmal kosten muss, bevor man ein ganzes Glas eingegossen bekommt? Mein Mann bekam einfach einen Schluck eingeschenkt und der Kellner wartete ab. Zum Glück begriff er schnell!

Doch es passierte immer wieder, wenn wir beispielsweise etwas auf der Karte nicht verstanden, an der Rezeption eine Info erfragen mussten oder beim Zimmerservice anriefen, dass wir anfingen darüber zu debattierten, wer dieses Mal dran war, eine möglicherweise dumme Frage zu stellen und Sprachbarrieren zu überwinden. (Okay, im Endeffekt betraf es wohl auch unsere Kommunikation…) Wir taten solche Dinge beide ungern. Und wenn ich allgemein auf unsere Ehe zurückschaue, so ist das diese eine kleine Komplikation, der wir auf Reisen und Ausflügen immer mal wieder gegenüberstehen. Denn nein, wir diskutieren selten darüber, was wir tun wollen – sondern wer die unbeliebte Aufgabe bekommt, mit dem Unbekannten zu sprechen. Am Ende dieses Urlaubs hatten wir fast alles Unbekannte überwunden (bis auf den Spa-Bereich… im Ernst: wer blickt denn da durch, wo man hin muss und was man tun darf? Wir beschlossen, dass wir keine Spa-Menschen sind) und waren uns einige, dass wir unbedingt noch einmal in dieses Hotel fahren müssten – jetzt kannten wir uns schließlich aus! Ja, so sind wir. Und seit diesem Urlaub ist mir auch klar wieso: Wir sind beide introvertiert. Und das ist okay so. Manchmal ist uns das nicht so bewusst, dass das okay ist.

Bereits hier habe ich darüber geschrieben, was es für mich bedeutet, introvertiert zu sein. Und noch immer wundere ich mich manchmal über mich selbst und mein Verhalten. Hin und wieder bin ich versucht zu glauben, dass das extrovertierte Verhalten das „Normale“ wäre, das, was eigentlich alle tun. Dass es normal ist, einfach irgendwo anzurufen ohne Angst zu haben. Dass es normal ist, den Kellner darum zu bitten, ein Gericht auf der Karte zu erklären, auch wenn notfalls dabei Hände und Füße eingesetzt werden müssen. Sich bei einer Veranstaltung mitten ins Geschehen zu schmeißen statt erst einmal beobachtend am Rand zu stehen. Wenn man die Wahl hat, doch immer lieber Zeit mit Freunden und Familie verbringen zu wollen statt mit Kaffee und Buch auf einer Couch. Für viele Menschen ist das normal. Aber für einen introvertierten nicht unbedingt.

Ja, manchmal erweist es sich als kleine Komplikation, dass mein Mann und ich beide so ticken. („Ich dachte, wir hatten eine Vereinbarung: Ich schreibe die E-Mails und Postkarten und du tätigst dafür die Anrufe!“ „Nein, die Vereinbarung beinhaltete nur, dass du die E-Mails und Postkarten schreibst…“) Aber oft ist es auch ein Segen. Denn was wir dadurch besonders gut können ist das sogenannte „Co-Existieren“. So nenne ich es, wenn ich zwar mit jemandem zusammen bin – in der gleichen Wohnung, oder sogar im gleichen Raum – aber jeder sein Ding macht, egal ob arbeiten oder entspannen. Zusammen allein sein, sozusagen. Meinem Mann und mir fällt es nicht schwer, uns gegenseitig den Freiraum zu geben, den wir brauchen. Manchmal kommen wir von einer aufwühlenden Veranstaltung nach Hause und sind uns schnell einig: erst einmal Allein-Zeit. Manchmal entspannen wir dann gemeinsam auf dem Sofa, manchmal schaut der eine aber auch Fernsehen während der andere im Nebenraum ein Buch liest oder (seien wir realistisch) auf dem Handy herumscrollt. Deswegen ist Urlaub machen mit meinem Mann auch so schön. (Co-Existieren funktioniert aber übrigens auch super mit Freunden, Geschwistern, …)

Doch dann sind sie da wieder: die Vergleiche. Dieses Pärchen ist immer auf Achse! Wie machen die das – die Welt bereisen und bei fremden Menschen übernachten? Und nicht nur als Paar überkommen uns ab und zu die Zweifel. Bin ich nicht widersprüchlich, wenn ich mich immer wieder auch bewusst zurückziehe, irgendwo heraushalte und auf der anderen Seite im sozialen Bereich sehr aktiv bin und ab und zu auch mal vorn oder im Mittelpunkt stehe? Diesem Trugschluss bin ich eine gewisse Zeit lang erlegen. Ich glaubte, dass eine der beiden Seiten wohl künstlich aufgesetzt sein müssten. Dass es nicht „echt“ ist, wenn ich (mal ausnahmsweise) guten Small Talk führe und mich offen und lustig in Gruppengesprächen einbringe. Mein Mann lobt mich immer mal wieder dafür, wie gut und versiert ich am Telefon sprechen würde. Doch ich denke mir: Neeein, dafür will ich nicht gelobt werden… denn es kostet auch Anstrengung.

Doch da ist der feine, aber bedeutende Unterschied: Sozial ist nicht gleich extrovertiert. Sozial kann jeder sein. Dem einen schenkt es zusätzliche Energie, den anderen kostet es ein wenig – und er muss in der Einsamkeit wieder auftanken. Beide können Freude daran haben. Doch wenn es eher niemandem Freude bereitet (wie zum Beispiel unliebsame Behördentelefonate) dann bedeutet es für den Introvertierten trotzdem mehr Überwindung.

Dieser Verwechslung von sozial und extrovertiert begegnen wir auch als Paar immer einmal wieder. Wir haben viele Kontakte, die wir pflegen möchten. Doch unsere persönlichen Grenzen zeigen uns immer wieder, dass Qualität vor Quantität geht. Wir mögen spontane, intensive eins zu eins Gespräche. Wir mögen länger geplante Verabredungen, auf die wir uns einstellen können. Doch ständige Treffen nur um des Treffens willens – weil es „komisch“ wäre, wenn man sich nicht so oft sehen würde – hinterfragen wir manchmal. Wir achten darauf, dass sie nicht dann stattfinden, wenn unsere Energietanks schon fast leer sind, denn dann hätte niemand einen Gewinn davon.

Mir ist erneut bewusst geworden, wie sinnlos es ist sich zu vergleichen. Sowohl als Paar als auch als Individuum. Gott hat uns so unterschiedlich gemacht und das fasziniert mich. Es macht keinen Sinn, wenn mein Mann und ich unbedingt so sein wollen wie das Paar in „Expedition Happiness“ (oder ein Paar im Freundes- und Bekanntenkreis). Denn wenn wir ein wenig tiefer in uns hineinhorchen merken wir schnell, dass wir das eigentlich gar nicht wollen und unsere Berufung eine ganz andere ist. Verschiedene Persönlichkeitsstrukturen sind spannend und ermöglichen so viele verschiedene Talente und Wege!

Und um keine Verwirrung zu stiften: Introvertiert und extrovertiert gesellt sich natürlich auch sehr gern. Genauso wie extrovertiert und extrovertiert. Und ich möchte auch nicht ausschließen, dass Introvertierte auf Weltreise gehen… Wichtig ist, dass wir wissen wie wir selbst, unsere Partner, Familie und Freunde ticken. Denn dann können wir unsere und ihre Bedürfnisse erkennen, auf sie eingehen und Enttäuschungen vorbeugen. Und vor allem: aufhören mit dem Vergleichen.

Constanze

(photo by ranjatm)

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Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Lifestyle

Achtung, ich kommeee…

Vor kurzem bin ich unter die Fahrrad-Fahrer gegangen. Das war eigentlich nie mein Ding, trotz wiederholter Versuche. Zuletzt hat es mir glaub ich Spaß gemacht, als ich mit meinen Mädels am Freitag Nachmittag zum Teenager-Treff unserer Gemeinde gefahren bin. Aber das war wohl was anderes. (Und auf dem Weg gab es Brombeer-Sträucher, hmm.)

In meinem Freiwilligen Sozialen Jahr legte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad zu – überzeugt davon, dass ich mehr Sport machen müsste. (Joggen hatte ich zu diesem Zeitpunkt mal wieder abgewählt. Von meinem geliebten Pop Pilates hatte ich damals noch kein Ahnung.) Klappernd und ohne Licht suchte ich mir die verworrenen Wege durch die Großstadt Dresden. Ich hatte kein Händchen dafür, die besten Fahrrad-Pfade ausfindig zu machen. Eher fuhr ich konsequent über unbequemen Schotter. Orientierung ist leider nicht mein Ding. Genau das hat mich immer abgeschreckt: Ich musste mir vorher einen genauen Plan über meine Route machen, sonst ging ich verloren. Das waren noch Zeiten, als mir dabei eine echte Karte behilflich war statt Google Maps… Und erst als ich gemeinsam mit anderen auf dem Fahrrad unterwegs war, stellte ich fest, dass ich nur dann wirklich schnell vorankam, wenn ich durchgängig in die Pedale trat. Wie, was? Durchgängig treten? Das war ja wirklich Sport!

Doch der größte „Abturner“ war wohl immer das Hervorholen aus dem Keller. Puh. Man erkläre mir bitte das Geheimnis des „Gleichzeitig Tür aufhalten und Fahrrad durchschieben“’s… Ach und dann noch dreimal um die Ecke und die Treppe hoch natürlich. Das gleicht einer Tanz-Routine, die man vielleicht nach langer Übung meistert und dann nicht einmal mehr weiß, wie genau man das eigentlich anstellt.

Und zum Schluss: das verschwitzte Ankommen und die Helm-Frisur. Herzlichen Glückwunsch.

Und doch habe ich es nun getan. Ich habe mir ein Fahrrad angeschafft. (Das alte 50-Euro-Gestell wurde mir geklaut, als ich vergaß, es in der Innenstadt anzuschließen und aus dem Geschenkten danach sprang regelmäßig die Kette heraus.) Jetzt habe ich ein wirklich Funktionierendes. Um ehrlich zu sein: Die Motivation für den erneuten Versuch, Fahrrad zu fahren, war rein finanziell. Doch wir haben mehr als 50 Euro investiert, damit es auch Spaß machen würde. Denn ja, ich habe Lust darauf, Spaß daran zu haben! Dieses mal will ich es richtig machen. Ich will zur richtigen Fahrrad-Fahrerin werden. So eine, die ohne Schwitzen lässig den Berg hochkommt und schneller ist als die Straßenbahn. (Mal wieder übermotiviert? Ein wenig vielleicht.) Ich fahre nun seit etwa drei Wochen regelmäßig und wisst ihr was? Es hat funktioniert. Ich habe Spaß!

Das durchgängige Treten…

… funktioniert jetzt wahrscheinlich deswegen besser, weil ich seit Anfang des Jahres bereits mehr Sport mache. Meine Beine sind sozusagen ready. Ach und die Berge gehen auch irgendwie. Bloß nicht ohne Schwitzen und auch nicht unbedingt lässig…

Die Orientierung…

… ist in der Heimatstadt zum Glück leichter als im großen Dresden. Und mein Mann als erfahrener Fahrrad-Fahrer hat außerdem den einen oder anderen Tipp für die optimale Route.

Der Weg aus dem Keller…

… ist glaub ich tatsächlich erlernbar. Ich bin noch dabei. Die Tanz-Routine sitzt noch nicht so ganz. Und ich gebe zu: Oftmals parkt das Fahrrad auch im Wohnungsflur, der eine ideale Größe dafür hat. So oder so denke ich einfach nicht mehr so viel darüber nach. Denn folgendes stimmt jetzt:

Die Motivation…

Ja, ich fühle es – dieses Freiheits-Gefühl beim Fahrrad fahren. Die Motivation ist nicht rein finanziell geblieben. (Aber es hilft: „Wie oft muss ich fahren, bis ich durch die eingesparten Straßenbahnfahrten die Kosten für das Fahrrad wieder drin hab?“) Doch da ist auch der Fahrtwind, wenn ich den Hügel herunterrausche, der aus unserem Neubaugebiet in das Stadtinnere überleitet. Die Herausforderung, wenn ich diesen Berg auf dem Rückweg wieder hoch muss. Die Überzeugung, dass ich nicht schieben werde. Die Freiheit, losfahren zu können, wann ich möchte und nicht auf Straßenbahnzeiten angewiesen zu sein. Das Gefühl, dass ich mich selbst von A nach B transportiere und nicht einfach nur aufs Gaspedal trete. Ganz ohne Umweltverschmutzung und gleichzeitig gesund. Genial, oder?

Dieser Gesundheitsaspekt ist mir noch einmal besonders bewusst geworden, nachdem ich mir vor ein paar Tagen den Dokumentar-Film „Embrace“ angeschaut habe. Fotographin Tayrin Brummfitt macht sich darin auf den Weg herauszufinden, warum so viele Frauen ihren Körper hassen und nicht so akzeptieren können, wie er ist – egal ob dünn, dick oder dazwischen. Sie ermutigt, zu Falten, Fettpölsterchen und Schwangerschaftsstreifen zu stehen. Sie möchte dem verdrehten Schönheitsideal unserer westlichen Welt etwas entgegensetzen. Was das mit Fahrrad fahren zu tun hat?

Mich fasziniert es, wie Tayrin darauf aufmerksam macht, gesund zu leben – und dass das nichts mit der Körperform zu tun. Sie selbst hat keine „typische Model-Figur“ und doch kann sie einen Marathon laufen. Darum geht es! Wenn ich Fahrrad fahre, wird mir das bewusst. Bewegung tut gut. Frische Luft tut gut. Das wird mich positiv verändern, auf meine ganz eigene Art und Weise. Ich hab das Gefühl, dass manche Leute mich manchmal schräg anschauen, wenn ich davon erzähle, Sport zu machen: Ich sei doch total schlank, ich könne doch machen, was ich will. Doch das ist überhaupt nicht der Punkt! (Und nebenbei: Genauso wie viele Frauen unbedingt abnehmen wollen gibt es einige, die unbedingt zunehmen wollen… Menschen sind einfach nie zufrieden). Viel mehr geht es um dieses gesunde Gefühl, wie zum Beispiel beim Fahrrad fahren. Darum, wie das Blut zirkuliert, der Kreislauf in Schwung kommt und ich von mal zu mal stärker und ausdauernder werde.

Was vermittelt dir dieses Gefühl? Was hält dich in Schwung? Nein, nicht jeder muss Fahrrad fahren. Bewegung kann so vielfältig sein und ich freue mich, das zu entdecken. Ich lerne Spaziergänge mehr zu schätzen. Eine kurze Pilates-Übung zwischendurch, wenn ich mich eingerostet fühle. Dehnungen. Und gerade freue ich mich darauf, nachher mit dem Fahhrrad durch die strahlende Sonne zur Arbeit zu düsen. Was ich gegen Schweiß und Helmfrisur beim Ankommen mache? Deo und Bürste. Fertig.

Und im Hochsommer? Mal sehen…

Constanze

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Persönlichkeit

Was geschieht, wenn ich einfach schaue, was passiert?

Es ist Ostermontag. Um ehrlich zu sein, stehe ich diesem Tag ein wenig skeptisch gegenüber – denn ich habe nichts geplant. Das gibt mir einerseits das Gefühl von großer Freiheit und ist gleichzeitig ein wenig beängstigend. Ich kenne mich. Ich brauche diesen perfekten Grad an Beschäftigung: nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch im Urlaub und an Feiertagen liege ich nicht gern den ganzen Tag auf der Couch. Ein halber Tag geht gut. Danach springe ich urplötzlich auf und verkünde: „So, jetzt muss ich aber mal was machen.“ Und damit meine ich nicht unbedingt Schwerstarbeit. Ich will nur in irgendeiner Form etwas Produktives, Sinnvolles vollbringen.

Die Feiertage sind so eine Sache. Eigentlich sind sie ja zum Feiern und Gedenken da. Aber ehrlich gesagt habe ich das schon die letzten Tage getan. Und nicht nur das – ich habe in der vergangenen Woche sogar Ausflüge mit meinem Mann unternommen, obwohl ich nicht einmal Urlaub hatte. (Eine schwierige Sachen, wenn man zu unterschiedlichen Zeiten frei hat und dennoch einen Teil der Arbeitszeit selbstständig einteilen kann.) Ich sehe demnach nicht wirklich einen Grund, heute noch einmal „Urlaub zu machen“. Also so richtig studiumsmäßig durchstarten? Das fühlt sich am Ostermontag irgendwie auch falsch an.

Und dann kommt mir die genialste, und doch simpelste, Idee: Was ist, wenn ich einfach mal schaue, was passiert? Der ein oder andere wird nun lachen.: „Das mach ich jeden Tag!“ „Was anderes bleibt einem doch gar nicht übrig!“ Doch für mich ist es etwas Besonderes und ich bin aufs Neue dabei zu lernen, was genau es bedeutet. Denn ich habe eine Vorstellung davon, wie meine Tage aussehen, meist sogar eine relativ genaue. Und wenn ich keine hab, dann habe ich mir das vorgenommen, dass ich keine Vorstellung habe.

Doch was ist, wenn ich mir einmal gar nichts vornehme? So rein gar nichts. Weder Arbeits- noch Entspannungphasen. Und dann schaue ich einfach, was passiert. Mich fasziniert dieser Gedanke. Denn sonst nehme ich mir entweder vor, super produktiv zu sein oder komplett zu entspannen und aufzutanken. Etwas dazwischen gibt es eher selten. Ich glaube schon, dass das alles in allem gut für mich ist. Entweder richtig arbeiten oder richtig ausruhen ist eine meiner Devisen, die sich für mich als sinnvoll erwiesen haben, vor allem, was mein Eigenstudium betrifft.

Doch es entwickelt sich ebenso die Gefahr, dass die Arbeitszeiten dadurch zu verbissen werden. Dass ich zu verbissen versuche, um jeden Preis effektiv zu sein, denn ich habe es mir ja vorgenommen. Vor kurzem bemerkte ich eine konkrete Auswirkung davon: To do-Listen, die nicht mehr ihren Zweck erfüllten. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein Freund von To do-Listen! Bevor ich gedanklich explodiere und mir tausend Dinge einfallen, die ich nicht vergessen darf, ist das Aufschreiben eine der besten Methoden, um genau dem vorzubeugen. Und ich glaube, dass solche Listen auch genau dafür nur da sind: Um Dinge aufzuschreiben, die man sonst vergessen würde. Und nicht, um alles Mögliche aufzuschreiben, dass man theoretisch gern schaffen würde.

Ja, so sahen meine To do-Listen mittlerweile aus. Ich hatte mir angewöhnt, mein ganzes Tagespensum aufzuschreiben, Sachen wie „Nächstes Fernstudiums-Kapitel beginnen“ oder „Blog-Artikel schreiben“. Doch die Sache war die: Das waren überhaupt nicht Dinge, die ich vergessen würde! Das sind ganz normale Tätigkeiten, die meinen Alltag ausmachen. Tätigkeiten, die so fest in mein Leben integriert sind, dass ich sie nicht aus dem Kopf verliere. Das Fernstudium etwa hat momentan eine sehr hohe Priorität in meinem Leben. Wieso sollte ich es vergessen?

Ja, manchmal vergisst man auch die eigenen Prioritäten. Doch solange das nicht der Fall ist, halte ich es nicht für notwendig, sie sich konkret vorzunehmen und aufzuschreiben.  Ich bemerkte zunehmend, dass ich mich durch das schriftliche Vornehmen selbst unter Druck setzte. Wieso? Andere Leute können sich auch einfach ihr Tagespensum aufschreiben, ja brauchen das vielleicht sogar, damit sie in Gang kommen. Eine Art positiver Druck sozusagen.

Bei mir wird es leider schnell zum negativen Druck und ich glaube nun zu wissen, wieso: Ich handle normalerweise sehr intuitiv und kann meinem Gefühl dafür, was wichtig ist und Vorrang hat, meist vertrauen. Und doch kam ich zu der verdrehten Annahme, dass ich faul auf der Couch landen würde, wenn ich mir nicht alles konkret vornahm. Ich hatte sozusagen Angst vor mir selbst! Ich vertraute meiner Intution nicht, der ich sonst ganz gut vertrauen konnte. Ich vertraute nicht darauf, dass all diese wichtigen Tätigkeiten im genau richtigen Tempo zur genau richtig Zeit erledigt werden würden. Ich stresste mich und glaubte, dass ich dadurch schneller sein würde. Doch wenn es dann mal nicht klappte, wurde ich frustriert und hinterfragte gleich alles: Ob ich das jemals schaffen werde? Ist es wirklich gut, dass ich dieser Sache gerade diese Priorität einräume? (siehe auch „Gedankenkreise…“)

Deswegen habe ich beschlossen, meine Vorgehensweise ein wenig auf den Kopf zu stellen. Der Ostermontag ist dafür der perfekte Start-Tag. Heute nehme ich mir wirklich gar nichts vor. Ich schaue einfach, wonach mir ist. Entspannen und lesen? Gut. Ein Kapitel im Fernkursordner bearbeiten? Gut. Super produktiv gleich drei Kapitel bearbeiten? Gut. Spazieren gehen? Gut. Nichts von alledem? Auch gut. Natürlich kann man nicht jeden Tag so angehen. Doch dieser Ostermontag – ein Feiertag, der schon allmählich in den Alltag überleitet – eignet sich perfekt.

Wie lief der Tag also ab? Ich wachte ein wenig später auf als gewohnt und begann den Morgen entspannt mit Kaffee, Frühstück und Lesen auf der Couch. Mir war danach, diese Zeit ein wenig länger auszudehnen, also tat ich es einfach. Die Sonne schien durch die Fenster. Schließlich hatte ich Lust, ein wenig zu arbeiten. Ich schaltete die „Akustischer Frühling“-Spotifyplaylist ein und nahm mir entspannt das nächste Kapitel vor. Eigentlich wollte ich auch ein paar Lernkarten durchgehen, aber danach war mir dann doch nicht. Nebenher verzehrte ich ein kleines, zweites Frühstück. Später kochte ich für meinen Mann und mich und beschloss, dass ich nun ein wenig Aktivität brauchte. Also fuhr ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt und setzte mich in eins der wenigen Cafés, die offen hatten. Mit einem Matcha Lattee (erster Versuch – noch nicht hunderprozent überzeugt…) verkrümelte ich mich in eine Sitzecke und packte meine Lernkarten aus. Dieses mal hatte ich Lust, sie durchzugehen. Außerdem begann ich in einem Notizbuch, an diesem Blogartikel zu schreiben. Ich ließ mir viel Zeit. Abends fuhr ich zurück, machte Sport und schaute ein paar Folgen einer Serie. Ehrlich gesagt: Dieser Tag erschien mir ziemlich perfekt.

Ich muss an einen anderen Tag zurückdenken, an dem ich ganz ähnlich vorgegangen war. Das war in einer Zeit voller Umbrüche, in der ich wichtige Entscheidungen treffen musste. Mit viel Nachdenken fand ich jedoch nicht zur Lösung meiner Probleme. Also lebte ich genauso wie an diesem Tag: einfach der Nase nach. Die guten Gedanken kamen dann von ganz allein. Damals wie heute merke ich, dass das bei mir funktioniert. Ich lande nicht faul auf der Couch und wenn ja, dann weil ich eine kleine Ruhephase brauche. Ich habe Ziele und Prioritäten und die sind mir so wichtig, dass ich sie nicht so einfach aus dem Blick verliere. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich im genau richtigen Tempo die genau richtigen Schritte gehen lässt.

Eine Sache nehme ich mir ab sofort vor: Es kommen nur noch Dinge auf die Tages-Agenda, die ich ansonsten vergessen würde. Bei mir sind das Punkte wie „E-Mail an xy schreiben“, „Dies und jenes einkaufen“, „Blumen gießen“. Dinge, die tatsächlich gemacht werden müssen, aber mir leider nicht wichtig genug sind, dass ich sie mir auch so merken würde. (Warum können Pflanzen nicht einfach so wachsen und gut aussehen?) Und wenn der Tag ansonsten durch wenige Termine strukturiert ist, schaue ich einfach, was passiert. Klar, ich kann nicht immer früh lange lesen oder nachmittags im Café sitzen wie an einem Ostermontag. Und ja, gewisse Routinen und Vorhaben tun mir nach wie vor gut. Aber ich werde merken, was wichtig ist. Ich brauche mich dafür nicht selbst unter Druck setzen, denn dadurch geht es auch nicht schneller. Ich darf akzeptieren, dass ich ein intuitiver Mensch bin. Ich glaube, genau das macht es mir manchmal so schwer: gleichzeitig sehr intuitiv und ein absoluter Organisations-Typ zu sein. Es klingt widersprüchlich – aber wenn ich beide Eigenschaften zulasse und richtig einsetze, kann ich das Beste herausholen. (Vielleicht bald mal ein eigener Blog-Beitrag dazu?)

Ich wünsche dir, dass du genau den richtigen Weg findest, um deinen Alltag anzugehen. Vielleicht kannst du ein wenig positiven Druck gebrauchen und es schadet nicht, den Tag komplett durchzuplanen. Aber vielleicht geht es dir auch so wie mir und du brauchst hauptsächlich Freiraum, um produktiv sein zu können. Ich bin gespannt von deinem Umgang mit To do-Listen, Vorhaben und Co. zu hören!

Constanze