Veröffentlicht in Gedanken

Small talk – unverfänglich aber unnötig?

Im letzten Jahr bin ich das erste Mal in den USA gewesen und ich wusste ganz genau, dass mich folgende Situation dort unweigerlich wiederholend erwarten würde:

„Hi, how are you?“ 

„Good. How are you?“

„Good, thank you.“

Der Anfang jeder Konversation. Ich wusste es, ich war darauf vorbereitet und doch versagte ich jämmerlich. Meistens vergaß ich zurückzufragen, wie es dem anderen ging oder ich antwortete mit etwas anderem als „good“ oder „fine“, zum Beispiel mit „I’m actually quite tired“. Im Nachhinein schlug ich mir innerlich immer wieder an den Kopf. Wieso war das nur so schwer für mich?

Solch ein Begrüßungsritual begegnet einem in vielen Ländern.  Und da ich nicht unhöflich sein möchte, gebe ich mir stets Mühe, mich in dieser einen Sache, welche gleichzeitig eine meiner größten Schwächen ist, zu verbessern: Small talk.

Womöglich ist Small talk für mich sogar die allerschwerste Art der sozialen Interaktion. Wenn es nach mir ginge, könnte man sofort anfangen darüber zu reden, was einen momentan glücklich oder traurig macht, bewegt, bestürzt, begeistert oder, oder, oder. Im Grunde ist alles, was ich mir wünsche, dass man auf die Frage „Wie geht es dir?“ ehrlich antwortet. Denn es ist eine tolle Frage! Ich benutze sie gern. Es ist eine Frage nach dem Gemütszustand, nach dem Inneren deines Gesprächspartners. Es ist nicht nur die Frage nach dem, was der andere gerade erlebt, sondern auch danach, „was das mit ihm macht“.

Ich scheine einen hohen Anspruch an diese Frage zu haben. Jedoch habe ich wieder gelernt, dass wir Small talk brauchen. Small talk, das „kleine Gespräch“? Nach meiner persönlichen Definition ist es das Gespräch über nichts Relevantes, welches dem Einstieg einer Unterhaltung dient. Dass die Themenwahl dabei nicht besonders tiefschürfend und persönlich ist, ist Sinn der Sache und ich erfuhr erneut, dass dieser Gedanke berechtigt ist. In meinem Job muss ich oft Gespräche mit Jugendlichen führen und ich ertappte mich tatsächlich dabei, diese mit dem Erstaunen über den plötzlichen Einbruch des Winters oder ähnlichem zu eröffnen. Doch es half! Die Jugendlichen mussten erst einmal ankommen, erst einmal über irgendetwas quatschen, bevor etwas Ernsthaftes angegangen werden konnte. Und das ist in Ordnung. Solche Einstiege mögen oberflächlich erscheinen, aber manchmal öffnen sie Türen, die sonst niemals geöffnet werden würden. Einige Menschen sind wahre Small-talk-Genies und können bei jedem schicken Event, jeder Party, jedem Zusammentreffen mit neuen Leuten und jedem Telefonat stets die richtigen ersten Worte finden. Aber es ist auch okay, das nicht so gut zu können und sich von diesen Personen Schritt für Schritt etwas abzuschauen, denn es ist eine Übungssache.

Es wäre nur schade, wenn es dabei bliebe. Es würde uns so unglaublich viel entgehen! Zwar fällt es mir schwer, Gespräche mit Unbekannten zu beginnen, aber es begeistert mich, sobald mir dieser Unbekannte ein Stück seines „wahren Ichs“ zeigt. Denn das ist die Möglichkeit, eine völlig neue Welt zu betreten – die Welt einer anderen Person, die genauso komplex, verwirrend und spannend ist wie die eigene. Ungeahnte Gemeinsamkeiten können aufgedeckt werden, Unterschiede können inspirieren und herausfordern. Wir benötigen es zu sehen, dass andere genauso verletzlich sind wie wir selbst, genauso unperfekt und zeitweise planlos. Zu oft gehen wir davon aus, dass man selbst der einzige Mensch auf der Welt ist, der sein Leben nicht komplett im Griff hat. Doch wenn wir es wagen, nicht nur „small“ sondern auch „big“ zu reden, fühlen wir uns schnell weniger allein. „Big talk“ ist also der Gegensatz zu „Small talk“? Ich hoffe nicht. Denn ein authentisches, echtes Gespräch sollte keine große Besonderheit sein, sondern etwas Normales.

Die Frage „Wie geht es dir?“ ist manchmal vielleicht schon zu verbraucht, als mit etwas anderem als „gut“ darauf antworten zu können. Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, kreativ zu werden und andere Möglichkeiten zu finden, wahres Interesse anderen gegenüber zu zeigen. Und hin und wieder lohnt es sich vielleicht sogar, auf eine nur dahin gesagte Floskel überraschend ehrlich zu antworten und somit Schwung in eingerostete Gespräche zu bringen.

Ich glaube, dass sich Small talk und Ehrlichkeit nicht ausschließen. Es ist eine Sache der Übung, sie Hand in Hand gehen zu lassen und Authentizität auch dann zu bewahren, wenn man über scheinbar belanglose Themen spricht. Nutze sie als Türöffner, wenn du bei jemandem anklopfst. Aber dann tritt auch ein und lerne die Wohnung und das Leben des anderen kennen.

Werbeanzeigen