Veröffentlicht in Gedanken

Was, wenn doch #2 – Das innere Kind

Dies ist der zweite Teil meiner Blog-Reihe „Was, wenn doch“, welche von dem Lied „Das falsche Pferd (Was, wenn doch?)“ von Bodo Wartke inspiriert wurde. Falls du das Lied noch nicht kennst, schau es dir hier an und lies hier meinen ersten Beitrag.

Auf der DVD seines aktuellen Programms gibt es außerdem ein sogenanntes Filmessay zu dem Lied. In diesem erzählt ein Mann von dem Phänomen des nicht enden wollenden Antriebs von Kindern. Nach seiner Beobachtung sind diese niemals faul. Wenn man auf einen Spielplatz geht, sieht man kein Kind tatenlos in der Ecke sitzen. Sie probieren aus, toben herum, bauen Burgen. Meine These ist, dass wir uns davon etwas für unser ganz eigenes „Was, wenn doch – Vorhaben“ abschauen können. Lasst uns deswegen ein Stück zurückgehen:

Habt ihr schon einmal die „Evolution“ eures Berufswunsches betrachtet? Habt ihr schon einmal genauer darüber nachgedacht, welchen Beruf ihr wann erlernen wolltet und warum? Und was im Vergleich zu euren Überlegungen in der Vergangenheit letztendlich daraus geworden ist?

Mein erster Berufswunsch, an den ich mich bewusst erinnern kann, ist Köchin. Das lag schlicht daran, dass ich es cool fand, wie meine Mutter kochte und das Ergebnis immer gut war. Das wollte ich auch. Im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass es noch über ein Jahrzehnt dauern musste, bis sich eine gewisse Affinität zum Kochen bei mir einstellte. Deswegen war erst der Folgende mein wahrer erster Berufswunsch: Im Alter von neun Jahren wollte ich Schriftstellerin werden. Ich hatte begonnen, Geschichten zu schreiben und es hörte nicht auf. Es war ein Hobby, dass ich ganz allein entdeckt hatte und was nicht enden wollende Möglichkeiten bot.

Meine Geschichten waren absurd und eine merkwürdige Mischung aus Verarbeitung eigener Erlebnisse und Wunschfantasien. Die Grammatik hat sicherlich nicht gestimmt, der Aufbau war konfus und der Ausdruck verbesserungswürdig – aber es „floss“. Und im Nachhinein weiß ich, dass es das war, worauf es ankam. Irgendwann verwandelten sich die kindlichen Geschichten in versuchte Romane, schlechtgereimte Gedichte und teenagerhaftes Philosophieren über Herschmerz und Persönlichkeitskrisen. Mein Berufswunsch erfuhr eine Transformation über Schauspielerin, Lektorin, Singer-Songwriterin, Synchronsprecherin oder doch lieber Schriftstellerin? Germanistik studieren, das schien eine Überlegung wert. Doch dann der Einbruch: Die Realität. Das war doch eh nicht umsetzbar. Ich hatte vielleicht die Leidenschaft dafür, aber gewiss nicht genug Talent und – seien wir doch ehrlich – Geld würde ich wahrscheinlich auch nie wirklich verdienen.

Es mag absurd klingen, aber mein nächster Berufswunsch war deshalb: Bürokauffrau. „Lasst mich doch einfach acht Stunden an einem Computer absitzen und danach kann ich frei mein Leben leben.“ Gut, so ganz abwegig war es nicht. Tippen konnte ich schließlich wie ein Weltmeister. Dennoch hatte ich ein ganz falsches Bild von diesem Beruf.

An dieser Stelle muss ich wieder an den Entdeckungsdrang von Kindern denken. Dass dieser meist größer ist, als er bei uns Erwachsenen je sein könnte, ist bekannt. Im Laufe der Zeit stellt er sich leider oft ein, umso mehr wir mit der Realität konfrontiert werden. Wir müssen Leistung erbringen, einen vernünftigen Job wählen, wir stehen unter Druck. Ich selbst habe mich nie von anderen Menschen gedrängt gefühlt, meinen Entdeckungsdrang aufgeben zu müssen, aber es passierte ganz automatisch immer ein Stückchen mehr.

Die reale „Erwachsenen-Welt“ kann und wird von Zeit zu Zeit sehr enttäuschend sein. Hierbei kann ich noch nicht aus langjähriger Erfahrung sprechen, aber auch als junge Erwachsene wurde ich schon einige mal ordentlich desillusioniert. Ganz nach dem Motto: „So ist nun mal das wahre Leben.“ Nun ist es eine Sache, dies als Realität zu akzeptieren und eine andere, sich ihr tatenlos hinzugeben. Oft fühlt man sich wie vor vollendete Tatsachen gestellt – als würde es nur einen möglichen Weg ohne Zurück geben, wenn man sich für eine Richtung entschieden hat. Doch dieser Weg kann unter Umständen in eine Sackgasse führen. An einer solchen Sackgasse wusste ich, dass ich meinen inneren Entdecker wieder aufleben lassen musste. Ich wollte mich nicht mit nur einem Weg zufrieden geben, ich wollte erfinderisch werden und neue Möglichkeiten erforschen. Dabei fand ich unter anderem zu den Tätigkeiten zurück, die ich schon als Kind so sehr geliebt hatte und bemerkte, dass ich sie nicht aufgeben konnte, wenn ich mich selbst nicht belügen wollte.

Deshalb nimm deine kindlichen Wünsche ernst und überlege, was hinter ihnen steckt. Ich möchte damit nicht behaupten, dass wir nun alle den Beruf ergreifen müssen, den wir als Kind ergreifen wollten. Aber das, was zu uns passt, war schon als Kind in uns. Wir müssen es nur von Zwängen befreien und schauen, wie es mit der realen „Erwachsenen-Welt“ vereinbar ist. Das ist schwierig, aber es macht erfinderisch! Und wir werden wieder zu Entdeckern, die wir doch eigentlich schon früher waren. Ich persönlich habe noch keine endgültige Lösung für mich gefunden, aber allein schon der Entdecker-Prozess lässt mich glücklich werden.

Ich wünsche auch dir viel Freude beim Entdecken deines inneren Kindes!

Constanze

(photo by Rainer Maiores)

Veröffentlicht in Gedanken

Was, wenn doch #1 – Alles nur Utopie?

Mein Mann kam vor kurzem von einem Bodo Wartke – Konzert zurück und erzählte mir von dem Lied „Das falsche Pferd (Was, wenn doch?)“. Ich schaute mir besagtes Lied auf  YouTube an und war sofort begeistert. Ein Lied, das zum Nachdenken anregt, so richtig schön herausfordert und auch irgendwie aneckt. Zudem spricht es viele Themen an, die auch mir sehr auf dem Herzen liegen und über die ich immer wieder nachdenken muss. Daher möchte ich diesem Lied nun eine ganze Blog-Reihe widmen, in der ich verschiedene Aspekte der „Was, wenn doch?“-Thematik beleuchten werde. Deshalb lade ich dich ein, dir zuerst folgendes Video anzuschauen, damit du meinen Gedankengängen bestmöglich folgen kannst: „Das falsche Pferd (Was, wenn doch?)“

Ganz egal, welche Wirkung dieses Lied auf dich hat – irgendetwas ruft es sicher in dir hervor. Und ich möchte behaupten, dass es bei vielen von uns der Drang ist, den lieben Herrn Wartke zu hinterfragen: Ist das nicht wirklich alles nur Utopie, sind es nicht verschwendete Gedanken? Ist dieser Nachsatz „Was, wenn doch?“ tatsächlich nur eine hypothetische Frage, aber praktisch eben irrelevant?

„… und wie schön ist es, wenn man bei ’nem Menschen erkennt, er brennt für was er tut und ist in seinem Element.“ Diese Zeile bleibt mir im Kopf hängen und macht mir bewusst, warum ich mich nicht so wirklich mit dem Utopie-Gedanken anfreunden möchte. Bodo Wartke singt von theoretischen Konstruktionen, aber wenn ich mich in meinem Leben umschaue, merke ich, dass sie alles andere als theoretisch sind. In den letzten Monaten habe ich häufiger mit Menschen geredet, dir mir von etwas erzählt haben, von dem sie begeistert sind und zwar so richtig. So, dass ein Funkeln in die Augen tritt und man unendlich lang darüber reden könnte. So, dass man beinahe spürt, wie der Raum mit Gedankenblasen und Luftschlössern erfüllt wird. Nur, dass diese Luftschlösser schon fast greifbar sind!

Eigentlich sind diese Menschen schon lange in meinem Leben. Aber erst jetzt scheine ich dieses eine wunderbare Gefühl durch diese Freundschaften zu entdecken: begeistert zu sein von der Begeisterung. Ich lasse mich anstecken, frage nach, lasse mir mehr erzählen. Und umso mehr die Augen meines Gegenübers leuchten, umso mehr leuchten auch meine. Nicht unbedingt, weil ich die gleichen Träume habe, aber weil die Freude ansteckt und zum selber Träumen anregt.

Vor einigen Jahren hat mich mal jemand gefragt: „Was würdest du tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde?“ Ich hatte den Sinn dieser Frage nicht verstanden. Und ich hatte noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, denn Geld hat schließlich immer eine Rolle gespielt und würde es auch weiterhin tun. Warum sollte ich herumspinnen und von einem Leben fantasieren, was ich niemals haben würde?

Doch da ist der Haken. Sicher, wenn wir uns diese Frage niemals stellen, dann kann kein Utopie-Gedanke uns jemals enttäuschen. Doch wo ist dann die Begeisterung, die Augen leuchten, Beine loslaufen und Hände handeln lässt? Ich glaube, wenn wir uns niemals auf eine „Utopie“ einlassen, wird uns das immer ein Stück weit lähmen. Vielleicht kann trotzdem alles ganz gut funktionieren. Die meisten von uns haben ihr Handlungsfeld im Leben schließlich fein säuberlich abgesteckt und bewegen sich darin sicheren Schrittes vor, zurück und zur Seite. Dabei lächeln wir wahrscheinlich auch hin und wieder. Aber Lächeln ist nicht gleich Begeisterung.

Jetzt denkst du vielleicht: Begeisterung hin oder her, das gibt mir keine Antwort darauf, wie es möglich sein soll, dass jeder das tut, was er wirklich tun möchte. Denn geht das auf?  Man könnte ja meinen, dass dann manche Dinge von niemandem und andere wiederum von allen getan würden. Hätten wir dann nicht viel zu viele Musiker und Künstler und viel zu wenige Anlagenmechaniker und Betriebswirte? Ja, wir benötigen nicht Unmassen von Popsängern im Radio, sogar die YouTube-Szene ist langsam überlastet.

Vielleicht ist es tatsächlich nicht so leicht. Aber ich behaupte, dass eines zwangsläufig passiert, wenn wir uns auf dieses Experiment einlassen: Wir würden kreativ werden. Wir wären innovativ, suchten Nischen, probierten Neues aus und entdeckten dabei Talente, von denen wir vielleicht gar nicht wussten, dass sie in uns und unseren Mitmenschen stecken. Und vielleicht entdecken wir dabei viel mehr als die „normalen“ Berufsbezeichnungen, Aufstiegsmöglichkeiten, Hobbys und sonstigen Tätigkeiten.

Nein, auch ein Bodo Wartke kann dich nicht dazu zwingen, irgendetwas zu tun, dessen Realität du anzweifelst. Aber er kann dich ermutigen, deine Möglichkeiten zu erkunden und dich nicht kleiner zu machen als du bist. Und ich schließe mich ihm an. Wage das Gedankenexperiment und überlege dir, was dich wirklich begeistert.

Die praktische Umsetzung ist oft herausfordernd. Mir hat dabei geholfen, in kleinen Schritten zu denken. Es ist manchmal beängstigend, ein großes Ziel vor Augen zu haben, dessen Erreichbarkeit so unwahrscheinlich erscheint. Träume sind gut, aber sie sollten dich nicht davon abhalten, tatsächlich auch loszugehen. Deshalb tu, was du mit deinen Kräften dort, wo du bist und unter den Umständen, in denen du dich gerade befindest, zustande bringen kannst.

Was, wenn deine Begeisterung sich in die Tat umsetzen lässt?
Was, wenn viele kleine Schritte im Endeffekt einen großen ergeben?
Was, wenn doch?

Constanze