Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle, Persönlichkeit

Lebendig in einer lebendigen Stadt – von Arbeit, Berufung und Produktivität

Ich habe es wieder gemeistert: die Kunst, ohne Schwanken durch eine Straßenbahn zu laufen während diese gerade in eine Kurve fährt. Jetzt habe ich endgültig das Gefühl, wieder angekommen zu sein – angekommen in einer Stadt, die sich geradeso Großstadt nennen darf (wenn man allerdings die Anzahl der bekannten Gesichter zusammenzählt, die man täglich in der Innenstadt trifft, relativiert sich diese Bezeichnung wieder). Es ist meine Heimatstadt, in der ich nun nach anderthalb Jahren wieder lebe. Irgendwie fiel es mir gar nicht so leicht, mich so selbstverständlich wieder einzufügen wie ich angenommen hatte. Ja, ich fühlte mich ein wenig wie ein Dorfkind, dass in die große, weite Welt hinauszog – was absoluter Quatsch ist, wenn man bedenkt, dass ich lediglich von einer Kleinstadt in eine etwas größere Stadt 20 Minuten Autofahrt entfernt gezogen bin.

Doch bei mir funktioniert es so: Wenn ich irgendwo lebe, dann richtig. Und mit „richtig“ meine ich, dass ich das gesamte, alle Facetten umfassende Lebensgefühl aufsauge, dass sich um mich herum abspielt. Genau deswegen dauert es bei mir auch etwas länger, bis ich angekommen bin – aber wenn, dann eben ganz. Da ist es ganz egal, ob der Unterschied objektiv betrachtet nicht so groß ist: Es war nun mal eine andere Stadt, in der ich bis vor kurzem gelebt habe und somit auch ein anderes Lebensgefühl. In diesem Fall würde ich es als gemütlich, warm und künstlerisch bezeichnen. Ich mochte es! Aber ein Grund, warum mein Mann und ich uns so auf diesen Umzug gefreut hatten, war unter anderem das Wissen darüber, dass es es sich hier „lebendiger“ anfühlt, ja irgendwie aktiver und jünger (was übrigens nicht zwingend etwas mit dem eigentlichen Alter von Menschen zu tun hat). Denn das mögen wir auch! Und nun, nach etwa anderthalb Monaten, habe ich auch wieder das Gefühl, hier wirklich zu leben.

Aber was genau heißt das eigentlich? „Lebensgefühl“, „lebendig“ – das sind ja alles recht schwammige Begriffe. Ich möchte euch deshalb einen kleinen Einblick darin geben, was es momentan für mich bedeutet und mit welchen persönlichen Zielen es verbunden ist.

Mehr Selbstinitiative

Mit dem Umzug hat sich für mich nicht nur der Wohnort geändert, sondern so ziemlich mein gesamter Alltag inklusive beruflicher Veränderungen. Das ist für mich prinzipiell nichts Neues, doch zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nun wieder das Gefühl, den Hauptteil meines Alltags mit Dingen verbringen zu können, von denen ich persönlich überzeugt bin. Darüber habe ich im letzten Jahr gefühlt in jedem zweiten Gespräch geredet, doch diese Erkenntnis war tatsächlich von schwerwiegender Bedeutung für mich: Erst wenn ich mich aktiv für eine Tätigkeit entscheide und sie selbst für wertvoll erachte, kann ich produktiv sein und – nicht zu vergessen – zufrieden. Ich habe darüber bereits im dritten Teil meiner „Was, wenn doch“-Reihe geschrieben, aber ich möchte noch einmal betonen, dass es mir nicht darum geht, nur „schöne“ oder „leichte“ Dinge zu tun. Manchmal ist es sogar genau das Gegenteil! Es geht darum, Wert in dem zu sehen, was ich tue. Und das ist bei mir sehr viel wahrscheinlicher, wenn ich selbst die Initiative ergreife.

Was ist Arbeit?

Doch hier kommt der entscheidende Knackpunkt für mich: Nicht allen Menschen fällt es leicht, diesen Wert in der klassischen Erwerbsarbeit zu finden – dort, wo wir einen Großteil unseres Lebens verbringen und wo es häufig erwartet wird, Sinn und Erfüllung zu empfinden.  Für manche mag das ganz selbstverständlich sein. Unser gesamtes Aufwachsen, unsere schulische Laufbahn dreht sich zu einem großen Teil darum, diesen Sinn in irgendeiner Form bezahlter Arbeit zu finden. Im letzten Jahr habe ich verstanden, dass es für mich so nicht funktioniert oder zumindest nicht so leicht. Für mich ist Arbeit mehr als die klassische Erwerbsarbeit.

Mehr Lebendigkeit

Seitdem wir umgezogen sind, habe ich wieder die Möglichkeit, dieser „untypischen“ Arbeit intensiver nachzugehen. Ich arbeite weniger Stunden in einem bezahlten Job und gehe mehr anderen Tätigkeiten nach. Und das führt mich zu dem lebendigen Lebensgefühl, von dem ich am Anfang geredet habe. Momentan kann ich mein Leben wieder aktiver, selbstbestimmter gestalten. Ich habe das Gefühl, mehr Dinge tun zu können, zu denen Gott mich berufen hat – die werden zwar nicht unbedingt bezahlt, aber sie fühlen sich wertvoll, gewinnbringend und produktiv an. Und somit sind sie für mich Arbeit. Dazu gehören für mich beispielsweise dieser Blog oder die Mitarbeit in meiner Gemeinde. Außerdem ist Weiterbildung für mich gerade ein wichtiger Punkt und ich gehe diesem auf verschiedene Weise nach. Das sind nur Beispiele – zentral für mich ist: Ich muss nicht zwingend morgens „auf Arbeit gehen“, um das Gefühl zu haben, zu arbeiten. Das hab ich jetzt sogar viel mehr! Und selten wird mir dabei langweilig. Manchmal bin ich lange Zeit zu Hause am Computer beschäftigt, manchmal düse ich von einem Termin zum nächsten, manchmal bin ich einige Stunden bei meiner „richtigen“ Arbeit und sitze danach noch in einem Cafe, um an einem Blog-Beitrag zu schreiben. Mein Alltag ist vielfältig geworden und dadurch fühle ich mich lebendig. Doch er ist nicht nur vielfältig um der „Vielfältigkeitswillen“, sondern weil es ganz natürlich meiner Persönlichkeit entspricht.

Keine Selbstverständlichkeit  

Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich in dieser Lebenssituation befinden darf. Ich bin unglaublich dankbar dafür, weniger Stunden bezahlter Erwerbsarbeit nachgehen zu können, um zusätzlich in die Arbeit zu investieren, die sich für mich außerhalb des Geld Verdienens abspielt. Mir ist auch bewusst, dass dies nicht unbedingt so bleiben muss oder ich es eventuell selbst irgendwann ändern möchte. Gerade deswegen ist es mir so wichtig, diese mir momentan anvertraute Zeit so gut wie möglich zu gestalten.

Und das fällt mir nun auch viel leichter! Vor einiger Zeit habe ich Anfragen, ob ich irgendwo helfen oder mitmachen kann, oft erst einmal als Belastung empfunden. Dies hatte nicht nur etwas mit meinem Zeitkontingent zu tun, sondern vor allem damit, dass mein (psychischer) Energielevel zu sehr damit beschäftigt war, eine Arbeit auszugleichen, die sich für mich nicht sonderlich produktiv angefühlt hat. Das zerrte an Körper und Geist. Nun ist es anders: Ich sehe mich viel mehr dazu in der Lage, realistisch einschätzen zu können, wo ich helfen kann und wo nicht und vor allem: Ich selbst habe Lust, Dinge aktiv ins Rollen zu bringen. Diese Energie möchte ich nutzen!

Neue Ziele

Wer diesen Blog schon eine Weile verfolgt, weiß, dass ich ein Freund von Organisation und Selbstdisziplin im Alltag bin. Es ist nicht so, dass ich perfekt darin wäre – aber immer, wenn es mir gut gelingt, bemerke ich die positiven Effekte: Ich bin produktiver, Vorhaben laufen leichter und Erholungsphasen sind auch wahre Erholungsphasen.

Außerdem mag ich Herausforderungen! Nachdem ich meine letzte Herausforderung zum Zucker- und Weißmehl-Verzicht beendet habe, möchte ich mich nun der nächsten stellen: früh aufstehen, obwohl es nicht zwingend nötig wäre.

Nun, für viele von euch ist es wahrscheinlich etwas ganz Gewöhnliches, für Schule oder Job das Bett frühzeitig zu verlassen. Ich persönlich habe das immer als etwas Fieses empfunden (wie meine Meinung dazu noch vor einem Jahr war, kannst du hier nachlesen). Ich war zwar nie ein Langschläfer, aber vor sieben Uhr fühlte ich mich auch nicht wirklich lebendig. Mittlerweile glaube ich zu wissen, woran das lag: Nach dem Aufstehen musste ich etwas tun, von dem ich lediglich „so halb“ überzeugt war – wenn’s gut lief. Es fehlte mir schlicht die Motivation. Wenn es dann am Wochenende die Gelegenheit gab, um auszuschlafen, habe ich sie gern genutzt, da ich glaubte im fehlenden Schlaf die Wurzel des Problems gefunden zu haben.

Sich also am früh Aufstehen zu erfreuen, wenn die Arbeit, der man nach dem Aufstehen nachgeht, tatsächlich keine Freude bereitet, ist aus meiner Sicht schwer umsetzbar. Doch da meine Arbeit (und all das, was ich eben als Arbeit bezeichne) mich momentan mit Sinn erfüllt, möchte ich diese Energie nutzen, um das Beste aus dem Tag herauszuholen. Da ich tendenziell sowieso ein Vormittags-Mensch bin, ist diese Herausforderung durchaus realistisch. Ich beginne mein Experiment mit der Uhrzeit 6:30 und passe dies je nach Verlauf an. Wie es sich anfühlt, ungezwungen und völlig freiwillig früh das wohlig-warme Bett zu verlassen, werde ich in etwa einer Woche in einem weiteren Blog-Beitrag auswerten.

Es ist jedoch nicht so, dass ich nur deswegen früher aufstehen möchte, um produktiver zu sein. Es geht mir auch nicht darum, meine To-do-Liste zu verlängern. Der viel essentiellere Grund ist, dass ich die Morgende genießen und mit Ruhe starten möchte. Dadurch verspreche ich mir mehr Produktivität und Gelassenheit in der Zeit, die ich auch vorher schon zur Verfügung hatte. Ich möchte in Ruhe meinen Kaffee trinken, wenn die Welt noch verschlafen ist und im Halbdunkel liegt. Ich möchte meinen Tag mit Gott starten – mehr als nur ein kurzes Pflichtgebet sprechen oder schnell ein Kapitel in der Bibel lesen, sondern wahrhaft Zeit in seiner Gegenwart verbringen. Ich möchte häufiger Frühsport treiben. Ich möchte in Ruhe ein Outfit für den Tag auswählen. Ich möchte das Küchenchaos des vergangenen Abends entfernen, bevor ich ein neues anrichte… Das muss nicht unbedingt alles an einem Morgen stattfinden, aber ich wünsche mir Freiraum für diese verschiedenen Optionen.

Ich gebe zu, dieser Blog-Beitrag war ein kleiner Rundumschlag zu vielen Gedanken, die mich gerade beschäftigen. Vielleicht werde ich mich mit einzelnen Themen noch intensiver beschäftigen. Gibt es etwas, worüber du gern mehr lesen würdest?

Wie geht es dir mit deiner aktuellen Arbeitssituation? Hast du das Gefühl, dass du etwas Sinnvolles, Produktives tust? Was ist deine Motivation, um früh aus dem Bett zu kommen? Hast du genügend Zeit, um gemütlich in den Tag zu starten? Arbeits- und Lebensstile sind unglaublich verschieden, weswegen ich gespannt auf deine (vielleicht komplett gegensätzliche) Meinung zu diesem Thema bin.

Constanze

(Photo by StockSnap)

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Veröffentlicht in Lifestyle, Motivierendes

Noch so ein Tipps-Artikel #Entschleunigen

In meiner Schulzeit hat sich Zeit immer gezogen wie Kaugummi. Kommt dir bekannt vor? Ja, sie verging schlicht zu langsam. Manchmal wollte ich einfach nur den Minutenzeiger packen und nach vorne schieben – es war als wäre er zu träge, diesen Job allein zu erledigen oder als wollte er mir eins auswischen, indem er länger an einer Stelle verharrte. Doch das war alles nur eine Illusion. Die Zeit verging in Wirklichkeit genauso wie sonst auch. Und ich schien diese Illusion nur zu verstärken, in dem ich immer wieder auf die Uhr starrte – in dem ich immer wieder über Zeit nachdachte.

Zeit. Was für eine verwirrende Dimension! In der Schule schien sie mir nur im Weg zu stehen. Ich hangelte mich von einer Unterrichtsstunde zur nächsten, immer auf den Nachmittag hinfiebernd. Wie wunderbar war es, wenn dann doch einmal eine interessante Stunde dabei war, die schnell verging. Eine Beschleunigung der Zeit, ja, das wünschte ich mir oft. Außer natürlich am Wochenende oder in den Ferien.

Es ist schon lustig. Im Gespräch mit einer Freundn fiel mir vor kurzem mal wieder auf, wie anders das jetzt ist. Genau genommen, wie anders es ist, seitdem ich die Schule verlassen habe. Ab da schien es sich schlagartig zu ändern. Die Zeit begann zu rasen und war kaum noch aufzuhalten! Und sie schien sich zunehmend zu beschleunigen.

Heute sitze ich oft da und frage mich, wo sie geblieben ist. Genau diese Beschleunigung, die ich mir damals gewünscht hatte, gefällt mir nun nicht mehr so gut. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie schon wieder über ein halbes Jahr 2017 vergangen sein konnte. Ich habe dieses halbe Jahr doch gar nicht so richtig gespürt. Ist in diesem Zeitraum überhaupt etwas Wichtiges passiert? Wenn ich genauer darüber nachdenke fällt mir ein, dass sogar sehr viel Wichtiges passiert ist. Also warum nehme ich das so nicht wahr?

Warum die Zeit „schneller“ vergeht

Es ist wohl für kaum jemanden etwas Neues, dass wir uns heutzutage in einer schnelllebigen Welt befinden (oder besser: in einem schnelllebigen Deutschland – auf die ganze Welt trifft das zum Glück noch nicht zu). Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles immer schneller, besser und effizienter geschehen soll. Es gibt zwar schon einige Gegenbewegungen, aber grundsätzlich sind Ausbildung und Arbeitsleben doch nach wie vor sehr davon geprägt. Und nicht nur das – der sogenannte „Freizeitstress“ nimmt auch zu. Wir haben so unglaublich viele Möglichkeiten, schöne Erlebnisse zu sammeln und hasten selbst da von einem Termin zum nächsten.

Meine Eltern haben einmal gesagt, dass man sich früher, im Vergleich zu all den Möglichkeiten, die wir heute haben, einfach mehr gelangweilt hat. Das hat schlicht dazu gehört. Doch heute haben wir das irgendwie nicht mehr nötig. Oder haben wir vielleicht Angst davor?

Ich glaube, einer der schwerwiegendsten Gründe, warum im Erwachsenen-Leben die Zeit immer so schnell vergehen zu scheint, ist das Phänomen, dass wir auf bestimmte Ereignisse oder Deadlines hinleben. Egal, ob es etwas Positives ist, wie zum Beispiel eine große Feier oder das Abschließen einer Ausbildung, oder etwas Negatives, wie etwa das Vorbereiten eines Referats oder das Ende eines befristeten Jobs. Unser Alltag ist stark davon geprägt, dass wir Ereignisse in der Zukunft im Blick haben und unser ganzes Leben, wenn auch nur unbewusst, darauf ausrichten.

Bei mir sind das oft simple Dinge wie Urlaub, Weihnachten oder große Feiern. Vor dem Sommer fiebere ich zum Beispiel immer sehr auf den Sommer hin, weil dieser meist mit Urlaub und anderen schönen Erlebnissen verbunden ist. Die erste Hälfte des Jahres vergeht dadurch umso schneller, da ich sie gar nicht so bewusst wahrnehme. Während meines Studiums waren die Prüfungszeiten und Semesterferien meine Eckpunkte. Im Prinzip ist es jedoch ganz egal, was es ist, denn die Wirkung ist immer gleich: Oft werte ich die Zukunft höher als die Gegenwart, egal ob dies gute oder schlechte Dinge beinhaltet.

Bestimmt kennst du folgenden Spruch: „Lebe jeden Tag so als wäre es dein letzter.“ Für mich gehörte er schon lange in die Kategorie „kitschiger Sprüche“, die ich eigentlich nicht mehr hören wollte. Aber im Zusammenhang der Unterhaltung mit meiner Freundin fiel er mir wieder ein und ich musste zugeben, dass etwas Wahres an dieser Aussage dran ist. Doch ich möchte es noch einmal anders auf den Punkt bringen: Jeder Tag ist gleich wertvoll. Das ist es, was wir vergessen. Viel zu oft glauben wir, dass nur diese Tage wertvoll sind, an denen ein großes Ereignis stattfindet, an denen wir viele To-do‘s erledigen, an denen wir uns mit Freunden treffen, an denen wir Party machen, an denen wir endlich den Sprung auf der Karriereleiter schaffen, an denen wir Urlaub haben, … Du darfst diese Liste gern für dich fortsetzen. Für jeden wird sie ein wenig anders sein. Aber sei dabei wirklich ehrlich zu dir: Welche Tage bewertest du als wertvoll? Und wie viele sind es dagegen nicht?

Dann kannst du dir auch selbst ausrechnen, wie viele Tage du damit verbringst, nur auf diese wenigen „wertvollen“ Tage hinzufiebern. Versteh mich nicht falsch – ich spreche mich nicht dagegen aus, sich Ziele zu setzen und zu verfolgen. Ich bin sogar ein sehr großer Verfechter von Zielen. Sie sollen uns nutzen, jedoch nicht davon abhalten, jeden Tag in der Gegenwart zu leben. Es ist ein nerviges Gefühl, am Ende des Tages auf den Tag zurückschauen und ihn als negativ zu bewerten, nur weil wir nicht effektiv genug gewesen sind. Nur weil nicht viel „passiert“ ist. Unbewusst denken wir dann oft, dass der Tag nicht viel wert war.

Ich behaupte, wir leben so, weil wir manchmal Angst haben, einfach nur unseren „langweiligen“, „normalen“ Alltag zu spüren. Den wollen wir lieber gar nicht so bewusst wahrnehmen – das würde uns am Ende noch deprimieren. Doch wer sagt, dass langweiliger Alltag schlecht ist? Wir verlieren dadurch den Blick für die kleinen Besonderheiten im Leben, wie etwa ein leckeres Essen oder ein schönes Gespräch mit dem Partner. Und wir vergessen auch, wie gewinnbringend Langweile sein kann (Vielen Dank, auxkvisit, für diesen Gedankenanstoß!). Denn gerade sie führt uns manchmal zu den besten Gedanken, Ideen und Spinnereien. Wir nehmen all diese kleinen Dinge (die jedoch schnell zu größeren werden können!) dann nicht bewusst wahr, wir schätzen sie nicht bewusst. Und dann passiert es: Die Zeit ist auf einmal weg, bevor wir es überhaupt gemerkt haben.

Wie wir die Zeit „verlangsamen“ können

Ich glaube, dass wir ein Stück weit in der Lage sind, diesem Phänomen Einhalt zu gebieten. Bleib nicht bei dem Gedanken stehen „Ach, die Zeit rennt so – Ich komme nicht hinterher!“ und gib auf. Entschleunige stattdessen. Versuche, bewusst zu leben. Hier sind ein paar Vorschläge, wie das besser funktionieren könnte:

1.) Mach dir bewusst, welcher Tag heute ist. Führe dir das Datum bildlich vor Augen. Und dann freu dich einfach über diesen Tag. Sei dankbar, dass du ihn erleben darfst. Ich zum Beispiel freue mich am Anfang jeden Monats über die „1“ im Kalender. Für mich ist das wie ein kleiner Neuanfang. Oder heute freue ich mich zum Beispiel über den 04.08., einfach weil ich finde, dass das eine schöne Zahlenkombination ist… 

2.) Mach weniger Dinge gleichzeitig. Es ist sowieso nachgewiesen, dass Multitasking nicht wirklich funktioniert, also versuch es gar nicht erst. Wenn du zwei Dinge gleichzeitig tust, kannst du beide nicht bewusst wahrnehmen. Und nachdem du irgendwann frustriert aufgibst, ist schon zu viel Zeit vergangen. Eins meiner schwierigsten Übungen ist dabei tatsächlich Essen. Wenn ich allein esse, bin ich sehr versucht, den Fernseher oder mein Handy nebenher laufen zu lassen – und oft mache ich das auch. Ich mache es, weil ich Angst vor Langeweile habe. Bloß nicht einfach nur dasitzen, essen und denken! Aber immer öfter nehme ich mir bewusst vor, es zu lassen. Und es hat immer einen positiven Effekt: Ich entspanne mich und meine Gedanken haben die Möglichkeit, in Ruhe zu kreisen und auf gute Ideen zu kommen (okay, manchmal sind auch ein paar blöde Ideen dabei…).

3.) Führe irgendeine Art von Tagebuch. Ich persönlich führe kein regelmäßiges, ausführliches Tagebuch über die Ereignisse meines Alltags, aber ich habe jeden Monat eine Seite in meinem Bullet Journal*, auf der ich in genau einer Zeile jeden Tag zusammenfasse. Das kann zum Beispiel eine vorherrschende Gefühlslage des Tages sein oder eine kurze Auflistung der Dinge, die ich erlebt habe. Der Effekt ist, dass ich am Abend den Tag noch einmal in gewisser Weise würdige und bewusst Revue passieren lasse. Wenn ich am Ende des Monats dann die ganze Seite anschaue, bin ich meist ziemlich erstaunt darüber, was ich alles erlebt habe. Manchmal werte ich auch ganze Monate aus und entwerfe einen kleinen Ausblick für den nächsten Monat. Dabei ist mir wichtig, dass nicht nur große Ereignisse zum Tragen kommen, sondern auch neue Erkenntnisse und Gedankengänge, die ich in einem Monat gesammelt habe.

4.) Und noch einmal: Hab keine Angst vor Langweile. Hab keine Angst davor, im Bus nur aus dem Fenster zu starren oder im Wartezimmer des Arztes nur zu sitzen und zu warten. Ja, für mich ist schon das Warten an der Ampel eine kleine Entschleunigungs-Übung. Sag dir ganz bewusst: Es ist okay, dass ich jetzt nichts tue! Nutze die Zeit zum Durchatmen und zum Sortieren deiner Gedanken oder einfach nur zum Nichts-Denken – falls du das kannst. 😉

5.) Zum Thema Handy muss ich eigentlich gar nichts schreiben, oder? Ich glaube, wir wissen alle ganz genau, dass es uns viel zu oft davon abhält, in der Realität zu leben und diese bewusst wahrzunehmen. Kombiniere es mit Punkt 4) und lass es auf der Busfahrt einfach mal in der Tasche stecken oder schau nicht immer darauf, wenn du auf einer Feier bist, die dich eigentlich langweilst. Beobachte doch stattdessen die anderen Leute – häufig bietet das schon genügend Unterhaltung…

Hast du auch solche Strategien, um Zeit bewusster wahrzunehmen? In welchen Momenten fällt es dir am schwersten, konkret im hier und jetzt zu leben? Schreibt mir gern in den Kommentaren eure Gedanken dazu.

Sicher: Dass jeder Tag wertvoll ist, dass muss man erst einmal glauben. Ja, auch der Tag, an dem du von 8 bis 16 Uhr bei der Arbeit vorm Computer sitzt und danach chillend, essend oder fernsehschauend auf der Coach verbringst, ist in der Theorie genauso viel wert wie jeder andere. Warum sollte er es nicht sein? Allein schon dieser Gedanke reicht vielleicht aus, um deinen Alltag ein wenig anders zu gestalten oder um die Dinge, die du tust, bewusster wahrzunehmen und zu genießen.

Constanze

*ein Blog-Artikel zum Thema „Bullet Journal“ folgt bald!

(photo by Monoar)

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes, Persönlichkeit

Absagen erlaubt! – Wie Grenzen aktiv gestaltet werden können

Manchmal reiht sich alles aneinander: Erst sage ich einer Gruppe Freundinnen für eine gemütliche Mädelsrunde ab, dann cancel ich eine Geburtstagsfeier, lasse einen Kinobesuch ausfallen… Ich bin scheinbar nur dabei, Absagen zu erteilen und nach und nach scheint mir das jeder übel zu nehmen. Aber irgendwie ist es einfach zu viel… Treffen mit Freunden, Projekte in meiner Gemeinde, spontane Besuche, Partys, usw. Es gibt Zeiten, in denen soziale Aktivitäten kein Ende zu nehmen scheinen und aus der Sicht der anderen tun meine Absagen dies gleichermaßen, obwohl ich selbst das Gefühl habe, dauerhaft auf Achse zu sein. Kennst du das?

Geläufigerweise werden Freundes- und Bekanntenkreise doch gern in folgende zwei Kategorien eingeteilt: auf der einen Seite die, die überall mitmischen und auf der anderen die, die nie Zeit zu haben scheinen. Das sind natürlich die Blöden! Die Spaßverderber, Langweiler, Spießer. Da gehör ich jetzt also auch dazu? Komisch, so fühl ich mich aber eigentlich gar nicht.

Und ich behaupte, das liegt daran, dass bei dieser Thematik eine Menge Vorurteile und Missverständnisse im Spiel sind. Vielleicht geht es dir so wie mir und dir ist einfach nicht ständig nach Action. Ein Abend auf der Coach scheint dir heute eben viel verlockender als eine Party, die erst um Mitternacht so richtig losgeht. Vielleicht stehst du aber auch auf der anderen Seite – ganz nach dem Motto „Man lebt nur einmal!“ nimmst du jedes soziale Event mit und engagierst dich nebenbei am besten in drei Projekten auf einmal.

Ich glaube, dass diese verschiedenen Lebenseinstellungen mit unseren ganz persönlichen Grenzen zu tun haben. Inspiriert dazu wurde ich unter anderem durch das Buch „Bis hierher und nicht weiter – Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen“ von Rolf Sellin, in dem ich vor kurzem bei einer Freundin gestöbert habe (noch nicht komplett gelesen!). Doch bevor ich näher auf diese Grenzen-Sache zu sprechen komme, möchte ich erst einmal diese Missverständnisse aus meinem Eingangsbeispiel näher betrachten:

Missverständnis Nr. 1 – die Verwechslung von Zeit und Energie

„Sorry, ich kann heute leider nicht mehr vorbeikommen – ich muss lernen, und eigentlich auch endlich mal wieder putzen, das Geschirr abwaschen… Ich hab einfach keine Zeit.“ Wer hört das schon gern? Putzen, das ist doch nun wirklich nicht lebenswichtig! Und solange die Klausur nicht zwei Tage entfernt ist, ist Lernen doch auch nicht so dringend, oder?

Meine These ist, dass solche und ähnliche Aussagen meist jedoch gar nicht so viel mit fehlender Zeit zu tun haben, obwohl das die Wortwahl der Betreffenden vermuten lässt. Häufig ist der wahre Grund für diese Absagen etwas, das ein wenig schwerer greifbar ist: Energie – und in diesem Fall: fehlende. Hast du schon einmal jemanden sagen hören: „Sorry, ich kann heute Abend leider nicht kommen, ich habe nicht genügend Energie“? Aus meiner Erfahrung liegt die Seltenheit solcher Aussagen darin begründet, dass fehlende Energie einfach kein allgemein anerkannter Grund für eine Absage ist. Denn Aussagen wie „Ich bin schon ziemlich müde“ oder „Ich hatte einen langen Tag und muss erst einmal ausruhen“, welche auf fehlende Energie hinweisen, werden schnell abgestempelt als Spaßverderberei oder gar fehlendes Interesse. Wir trauen uns also nicht, so etwas zu sagen und gerade als junger Mensch ist es manchmal schwer, sich in solch einem Fall zu rechtfertigen. Der lahme Spruch „Schlafen kannst du, wenn du tot bist“ wird beispielsweise gern als Totschlagargument in der Kneipe gebraucht, wenn man kurz davor ist, sich vom Acker zu machen. Stattdessen sagen wir also lieber, dass wir keine Zeit haben, in der Hoffnung, dass dies keine Vorwürfe zur Folge hat – denn gegen fehlende Zeit kann man schließlich nichts machen, oder? Nach meiner Erfahrung durchblicken die meisten jedoch, dass es sich dabei um Ausreden handelt. Und dann geht das Spekulieren los: „Der hat doch einfach keine Lust auf uns!“ Wäre ehrlich sein also vielleicht doch besser?

Es ist unglaublich wichtig, dass wir endlich anerkennen, dass fehlende Energie durchaus ein berechtigter Grund ist, um eine Absage zu erteilen. Wenn wir uns ausgelaugt fühlen – und sei es nur geistig! – sind wir weniger in der Lage, gute Unterhaltungen zu führen und sozial zu interagieren. Und hier kommt der Clou: Diesen Zustand erreicht jeder Mensch unterschiedlich schnell. Jeder hat seine ganz eigene Grenze, bis zu der er soziale Interaktionen genießen kann, bevor er innerlich auslaugt ist. Nur weil ich nach einem langen Arbeitstag keine Lust mehr auf einen Kneipenabend habe, muss das für einen anderen nicht genauso sein. Eine völlig falsche Interpretation wäre es jedoch, zu behaupten, dass mir meine Freunde demzufolge weniger wichtig wären. In den meisten Fällen liegt es lediglich an meinem leeren Energie-Tank. Und das führt mich zu…

Missverständnis Nr. 2 – Extrovertiert vs. Introvertiert

Dieses Thema habe ich schon einmal in meinem ersten Blog-Beitrag thematisiert. Seitdem ich mich genauer damit beschäftigt habe, was Extro- und Introvertiertheit bedeutet, wurden meine Augen entscheidend für ganz alltägliche Missverständnisse geöffnet, die häufig darauf zurückzuführen sind, dass Menschen ihre Unterschiedlichkeit in diesem Bereich nicht anerkennen.

Viele glauben, dass Extrovertierte per se sozialere, redegewandtere, „lautere“ Menschen sind – Introvertierte dagegen die Schüchternen, Ruhigen, weniger sozial Kompetenten. Dies stimmt so nicht! Extro- und Introvertiertheit sagt nämlich lediglich etwas darüber aus, wo und wie wir Energie auftanken, wodurch wir uns also wieder belebt, aktiv und gut fühlen. Und dies ist der entscheidende, zu selten berücksichtigte Unterschied: Extrovertierte tanken Energie durch das Zusammensein mit anderen Menschen und Introvertierte durch Zeiten mit sich selbst. Sicherlich geht das häufig damit einher, dass Extrovertierte selbstbewusster auftreten und Introvertierte eher schüchtern wirken. Oft ist das jedoch nur der äußere Schein!

Ich erfahre dieses Klischee-Denken häufig selbst. In manchen Kreisen trete ich sehr ruhig und zurückhaltend auf, woraus geschlussfolgert wird, dass ich schüchtern bin oder einfach nicht so viel zu sagen habe. Vielmehr hat es jedoch damit zu tun, dass ich gern erst einmal beobachte und mir eine Meinung bilde. Menschen, die mich gut kennen und Kreise, in denen ich mich wohl fühle, erleben mich dagegen ganz anders: denen fällt es eher schwer zu glauben, dass ich introvertiert bin. Denn ehrliche, offene soziale Interaktion macht mir unglaublich viel Spaß! Und dennoch – ich tanke Energie in der Einsamkeit. Nach einer langen Feier bin ich ausgelaugt und habe viele Eindrücke zu verarbeiten. Dafür muss ich allein sein. Extrovertierte Menschen sind dagegen umso energiegeladener, nachdem sie gute Gespräche geführt und das Zusammensein mit Freunden genossen haben. Sie können dann häufig umso motivierter die nächste Herausforderung anpacken.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch in eine der beiden Richtungen tendiert. Und selbst, wenn du dich in verschiedenen Bereichen unterschiedlich erlebst – wünschst du dir nicht, dass andere Menschen deine persönliche Art und Weise, Energie zu tanken, anerkennen? Es ist wichtig, zu erkennen dass Verschiedenheit manchmal nicht so schnell und einfach nachzuvollziehen und dennoch okay ist, ja sogar bereichernd. Und manchmal liegt sie eben auch in etwas so negativ Klingendem wie „Grenzen“.

Was sind deine persönlichen Grenzen?

Das Bedürfnis abzusagen, und es doch nicht zu tun, ein leerer Energietank, ein zu langer Kneipenabend… Das sind nur Beispiele dafür, dass wir manchmal Schwierigkeiten haben, uns erfolgreich von anderen abzugrenzen und zu uns selbst zu stehen. Denn leider nehmen wir es häufig als etwas Negatives war, auch einmal „nein“ zu anderen zu sagen.

Versuch einmal, dir folgende oder ähnliche Fragen zu stellen: Wie viel Zeit kannst du mit anderen Menschen verbringen, bevor es dir zu viel wird? Wie oft willst du allein sein? Wie durchgehend möchtest du erreichbar sein? Bleibst du manchmal länger bei einer Feier, als dir lieb ist, nur um nicht als Spaßverderber da zustehen oder den Gastgeber zu kränken?

Für mich waren solche Fragen sehr wertvoll, um zu erkennen, dass ich manchmal überhaupt nicht auf meine persönlichen Grenzen achte. Oft weiß ich zwar, was ich will und was mir gut tut, setze es jedoch nicht um. Und was sind die Folgen davon? Wenn ich irgendwo hingehe, obwohl ich gar keine Energie mehr habe oder irgendwo länger bleibe, obwohl ich fast einschlafe, hat das meist nur negative Auswirkungen. Ich bekomme nach und nach schlechte Laune, fühle mich ausgelaugt und überhaupt nicht mehr gesellig – und Geselligkeit sollte doch eigentlich der Sinn der Sache sein. Es nützt also niemandem etwas, wenn wir unsere eigenen Grenzen nicht respektieren.

Andersherum geht es jedoch auch nicht darum, die eigenen Grenzen lediglich abzustecken und sich dann im sicheren Umfeld zu isolieren. Vielmehr hilft es, die eigenen Grenzen ganz bewusst gestalten.

Was es bedeutet, Grenzen aktiv zu gestalten

Zuerst einmal sollten wir nicht davon ausgehen, dass andere Menschen automatisch verstehen, wo unsere Grenzen liegen. Es kann beispielsweise nicht jeder sofort sehen, ob du extro- oder introvertiert bist. Deswegen müssen wir klar kommunizieren, wenn eine Grenze überschritten wird. In meinem oben genannten Beispiel der Absagen würde das also bedeuten, dass wir bewusst zu unserer fehlenden Energie stehen (natürlich auch zu unserer fehlenden Zeit, wenn das tatsächlich der Fall ist). Es ist okay, wenn wir sagen: „Ich hätte zwar theoretisch Zeit, aber ich brauche mal wieder ein wenig Zeit nur für mich.“ Sicherlich, viele werden erst einmal verdutzt sein, wenn du so etwas sagst und nicht einmal versuchst, dich zu rechtfertigen. Aber du wirst dadurch automatisch greifbarer für andere! Vielleicht verstehen deine Freunde es nicht beim ersten Mal, aber nach und nach werden sie begreifen, wie du tickst und können besser mit deinen persönlichen Grenzen umgehen. Außerdem steigerst du dadurch dein Selbstbewusstsein und wirst höchstwahrscheinlich auch als selbstbewusster wahrgenommen.

Doch es geht nicht nur darum, immer „nein“ zu sagen (obwohl es manchmal auch nötig sein kann, erst einmal in diese Richtung zu „trainieren“, um ein Gefühl für dieses Wort zu bekommen). Wenn wir in der Lage sind, zu erkennen, wann uns etwas zu weit geht und wissen, wo unsere Grenzen liegen, können wir auch den Spielraum innerhalb dieser Grenzen besser ausnutzen und sogar erweitern! Dies müssen wir jedoch selbst aktiv tun. Wenn wir unsere Grenzen nämlich nur passiv von anderen einrennen lassen, verlieren wir nach und nach das Gefühl der Selbstwirksamkeit und werden im schlimmsten Fall schlecht gelaunt und aggressiv.

Rolf Sellin zeigt in seinem Buch auf, dass wir dann am erfolgreichsten unsere Grenzen erweitern können, wenn wir uns kurz vor deren Überschreitung bewegen, wenn wir also bis „an unsere Grenzen“ gehen. Stell dir beispielsweise vor, du hast einen Freund, der sich ständig mit dir treffen möchte. Du hast jedoch oft keine Lust, weil du weißt, dass dieser Freund zwar sehr nett, aber eine ziemliche Plappertasche ist und du bist dagegen eher der ruhige Typ. Ein Treffen mit ihm raubt dir immer sehr viel Energie, weswegen du dir Ausreden einfallen lässt, um ihn abzusagen. Auf Dauer wird das jedoch sehr frustrierend, weil du die ganze Zeit das Gefühl hast, dass dir jemand deine Grenzen einrennt. Auch dein Freund wird wahrscheinlich irgendwann traurig sein, weil er früher oder später durchschaut, dass du nur Ausreden parat hast. Was könntest du stattdessen tun?

Wenn du wirklich keine Kraft für ein Treffen mit deinem Freund hast, dann sag ihm ab und sei ehrlich. Doch es wird sicherlich auch wieder eine Zeit kommen, in der du Energie übrig hast. Und dann nutze diese Zeit! Auch wenn du weißt, dass es anstrengend sein könnte, lade deinen Freund ganz bewusst dann ein, wenn du dich energiegeladen genug fühlst, dich auf das Treffen einzulassen – wann auch immer das für dich ist. Vielleicht wird es dich an deine Grenzen bringen, aber du hast im Vorhinein selbst einen Zeitpunkt gewählt, an dem dich diese Grenzerfahrung nicht „ausknockt“. Du hast sie selbst bewusst gestaltet und konntest dich so besser auf deinen Freund einlassen. Vielleicht wird es dadurch beim nächsten Mal schon viel leichter, weil du ihm ohne verdeckte Frustration begegnen konntest. Und vielleicht auch ein wenig mehr plappern konntest?

Grenzen zu ziehen ist für viele, und ich bin darin absolut eingeschlossen, jedoch keine leichte Sache. Oft ist es nämlich schon schwer genug, erst einmal selbst zu erkennen, wo das persönliche „bis hierher und nicht weiter“ überhaupt liegt und zu akzeptieren, dass das nicht komisch ist, auch wenn viele anders ticken.

Kennst du solche Grenzerfahrungen? Fühlst du dich auch manchmal im Freundeskreis unverstanden – oder werden deine Grenzen eher in anderen Bereichen überschritten? Dies ist ein sehr weites, komplexes Thema und ich würde mich freuen, von deinen Erfahrungen zu lesen!

Constanze

 

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Dopamin vergeuden

Kennt ihr das? Es ist Samstag, ihr habt nichts vor, ihr könntet ALLES tun, quasi eure ganze Welt auf den Kopf stellen. Doch die Zeit verstreicht bis in den Nachmittag hinein und ihr habt das Gefühl, dass nichts, was man jetzt noch anfangen könnte, tatsächlich einen Unterschied machen würde.

Mein Empfinden für Produktivität ist allerdings wirklich ein wenig verdreht. Es fällt mir oft schwer, zu akzeptieren, dass Dinge auch ganz anders laufen können als geplant und trotzdem gut sind. Wie dieser Samstag heute zum Beispiel. Mein Mann und ich haben ausgeschlafen und sind dann in ein kleines süßes Café frühstücken gegangen. Das hat länger gedauert als gedacht, aber war wunderschön. Danach beschlossen wir schweren Herzens, dass wir noch einkaufen mussten. Das war nicht so wirklich geplant und nahm noch einmal viel Zeit in Anspruch. Und nun sitze ich hier und muss an eines der Videos denken, welches mir letzte Woche über den Weg gelaufen ist. Es ist eines dieser Videos, welches aus meiner Sicht verdientermaßen Millionen von Klicks bekommen hat. Sicherlich kennen es viele von euch bereits. Wie ich jetzt erfahren habe, wurde um die gute Frau damals ein ganz schöner Hype gemacht. Zu dieser Zeit konnte ich noch nicht viel damit anfangen, jetzt schon. Schaut mal rein: „Eines Tages, Baby“

Man muss kein Fan von Poetry Slam sein, um sich von Julia Engelmann angesprochen zu fühlen. Als ich das Video 2013 das erste Mal sah, hat es mich glaub ich nur traurig gemacht, wahrscheinlich weil es mitten in mein Leben getroffen hat. „Ich würd gern so vieles tun. Meine Liste ist so lang. Ich werd eh nicht alles schaffen, also fang ich gar nicht an.“

So fühle ich  mich auch heute wieder ein bisschen. Und wenn ich genau drüber nachdenke, nicht nur heute, sondern ziemlich oft. Dabei ist allein das viele Nachdenken manchmal schon der Fehler: „Ich denke zu viel nach. Ich warte zu viel ab. Ich nehm mir zu viel vor und mach´ davon zu wenig.“

Was will mir das sagen für meinen heutigen Samstag? Dass ich versagt habe, weil ich mich nicht an meinen Plan gehalten und deswegen mein Leben vergeudet habe? Wahrscheinlich habe ich irgend so etwas in der Art damals gedacht, als ich Julia Engelmann das erste Mal zuhörte. Ich wusste, sie hatte Recht, aber ich sah keinen Weg, wie ich es anders machen könnte. Weiterhin Dopamin sparen sozusagen.

Heute glaube ich zu wissen, was sie meint. Nämlich, dass ich auch noch das Beste aus meinem Samstag machen kann, wenn es bereits 19 Uhr ist. Oder 20 Uhr. Oder 21 Uhr. Und dass es genau richtig war, ein wenig Dopamin bei diesem leckerem Essen in diesem tollen Café in Begleitung eines besonderen Menschen zu vergeuden.

Constanze

Veröffentlicht in Gedanken

Zeit zum Füllen der Schale

„Eine Pause sollte man gerade dann machen, wenn man keine Zeit dazu hat.“

Wer diesen schlauen Satz gesagt hat, hat wohl noch nie studiert. Oder gearbeitet. Oder einen Haushalt geführt. Oder die Weihnachtszeit erlebt.

Oder, oder, oder. Fakt ist doch, dass wir häufig gar keine Zeit dazu haben, uns einmal Zeit zu nehmen.

Ständig warten neue Aufgaben auf uns. Die Liste der Freunde, mit denen man mal wieder „base touchen“ müsste, wird immer länger und die kleine Spalte am Rande meiner To-do Liste mit den Freizeitaktivitäten, die ich mir vornehme, wenn ich denn mal Freizeit habe, hat sich mittlerweile auch schon auf der Rückseite fortgesetzt. Wow. Es gibt also auch schon eine Freizeitwarteliste.

Die Zeit ist schon eine interessante Sache.

Da ich weiß, dass meine Definition davon wahrscheinlich nicht dem Ideal entspricht, habe ich einmal Google befragt.- Denn um im Wörterbuch oder gar in der Bibel nachzuschlagen (btw. sehr empfehlenswert), hat die Zeit dann doch nicht gereicht –

ZEIT

(1) das Nacheinander von Ereignissen in bestimmten messbaren Abschnitten

(2) Stunden, Tage, Wochen, die jemanden für etwas zur Verfügung stehen

Nummer 1 hatte sofort meine innere Zustimmung auf seiner Seite. Genauso sehe ich das auch – ein Ereignis jagt das nächste und das kann man auch noch messen, also überwachen, und meist bin ich auch immer ganz pedantisch dabei, genau dies zu tun. Denn man möchte ja möglichst keine Zeit verschwenden.

Investieren und effektiv nutzen lautet ja eher der Tenor mit bitterem Beigeschmack. Aber muss dem wirklich so sein?

Definition Nummer 2 lässt daran zweifeln, denn was „Zeit“ tatsächlich darstellt, ist sehr viel weiter, unbegrenzter und freier als unser durchgeplanter Alltag.

Zeit bietet Möglichkeiten. Sie steht uns zur Verfügung. Und wir bestimmen, wie wir unsere Zeit füllen wollen. Damit möchte ich euch zu einem erneuten Perspektivwechsel ermutigen.

Im Grunde sind wir es, die sich für all die Dinge, mit denen wir uns beschäftigen, entschieden haben. Klar, sind manchmal auch ungewollte Verpflichtungen unausweichlich, aber letztendlich lassen sich diese doch fast immer zu einer Entscheidung zurückführen, die wir auch wieder selbst getroffen haben.

In meinem Leben geht es zur Zeit ziemlich bunt zu, aber es hilft mir, wenn ich mich darauf besinne, dass mich zu vielen Entscheidungen niemand gezwungen hat.

Meine Zeit steht mir zur Verfügung und es ist für mich eine Herausforderung sie weise zu füllen. Sinnvoll zu investieren.

Dabei lerne ich auch Prioritäten zu setzen.

Denn ich habe erkannt, dass das „sinnvoll Investieren“, bei mir selbst anfängt. Es kommt einem schon fast egoistisch vor, sich Ruhezeiten einzubauen. Bewusst zu etwas „Nein“ zu sagen und als Begründung nur ein: „Ich habe eine Stunde zum Lesen, Tee trinken und Abschalten veranschlagt“ bieten zu können.

Was mir dann hilft, ist der Gedanke der vollen Schale. Wenn meine Schale nicht bis zum Rand gefüllt ist, kann sie nicht überfließen und ich kann nichts an andere abgeben. Meine Kräfte nicht ausreichend investieren. Meine Ideen nur ungenügend umsetzen. Meine Aufmerksamkeit nur mangelhaft anderen Menschen schenken. Deshalb besitze ich zu allererst eine Verantwortung mir selbst gegenüber.

Und dann macht der Gedanke, gerade dann eine Pause zu machen, wenn man eigentlich keine Zeit dazu hat, schon wieder Sinn.

Ganz praktisch kann das bereits im Kleinen beginnen. Ich habe vielleicht keine Zeit, weil ich in die Uni muss, aber anstatt auch im Zug produktiv zu sein, versuche ich, diese Minuten bewusst nichts anderes zu tun, als aus dem Fenster zu schauen und meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich versuche häufiger Fußstrecken zurückzulegen ohne dabei Musik zu hören und merke, wie gut es mir tut, mich einfach nur auf das Laufen und meine Umgebung zu konzentrieren. Und dann, wenn ich mich etwas fortgeschrittener fühle, traue ich mich sogar immer öfter, nach dem nach Hause kommen, erst mal eine Stunde Pause einzulegen. Dann trinke ich gemütlich einen Kaffee oder mache manchmal sogar ein kurzes Nickerchen.

Und meistens stört es die Aufgaben, die ich erledigen muss, nicht sonderlich, wenn ich sie auf eine Stunde später vertröstet habe.

Elisa

(photo by Unsplash)