Veröffentlicht in Gedanken, Glauben, Persönlichkeit

Die gesunde Mitte… oder: Wie bleibe ich fest im Sattel sitzen?

Was für ein frustrierender Abend!, denke ich. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, noch irgendetwas Produktives zu machen. Etwas für meinen Blog oder Sport oder diese eine E-Mail, die ich schon längst hätte schreiben müssen. Stattdessen komme ich später nach Hause als gedacht und kämpfe eine geschlagene Stunde gegen den Laptop an, der sich nicht aufladen lässt, weil alle Kabel nicht funktionieren. Jetzt liegen hier drei verschiedene Kabel und Netzteile herum. Der Anblick macht mich ganz verrückt. Und nun ist es schon so spät, dass ich ins Bett muss, weil es morgen wieder früh los geht. Toll.

Zum Glück ist mein Mann für ein kleines Krisengespräch zu haben (und natürlich auch für die Lösung des Laptop-Kabel-Problems). Ich erzähle ihm, dass ich frustriert darüber bin, dass ich meine Vorhaben nicht einhalten kann. Heute geht es mir dabei um meinen Blog. (Aber die gleiche Problematik kann sich ebenso um andere Vorhaben in meinem Leben drehen – Setz hier einfach das ein, was dich beschäftigt und manchmal stresst.) Vor einigen Monaten hatte ich mir fest vorgenommen, mindestens einmal in der Woche, am Donnerstag, etwas zu posten. Eine Zeit lang ist mir das sehr gut mit wenigen Ausnahmen gelungen. Ich hielt es für eine gute Idee, weil ich meinen Blog zu einer Priorität machen und eine gewisse Disziplin einkehren lassen wollte.

Nun ist es mir drei Wochen lang nicht gelungen, meine Donnerstags-Deadline einzuhalten. Ich ärgere mich über mich selbst und frage meinen Mann, ob es denn überhaupt Sinn macht, sich Vorhaben zu setzen. Wenn ich mit irgendeiner Sache voran kommen und mich weiterentwickeln möchte sind Vorhaben doch nötig, oder? Aber wenn ich sie nicht konsequent einhalten kann… was bringt das schon? Seine Antwort ist simpel und eigentlich logisch: „Vorhaben sind schon sinnvoll, aber es ist eben nicht so schlimm, wenn es mal nicht klappt.“ Und genau hier liegt mein Problem.

Ich scheine manchmal nicht die gesunde Mitte zu finden, sondern auf einer Seite des Pferdes herunterzufallen. (Hier habe ich bereits ein wenig darüber geschrieben.) Da ist die eine Seite, die produktive: Ich bin begeistert von etwas. Ich habe eine Idee. Ich lege los. Ich habe Spaß dabei und komme voran. In diesen Zeiten blühe ich auf und fühle mich so richtig lebendig. Meine Vorhaben sind ein wenig überambitioniert, aber das bemerke ich nicht. Doch dann kommt er plötzlich, der Einbruch: Aus irgendeinem Grund komme ich nicht so diszipliniert voran wie am Anfang. Vielleicht habe ich weniger Zeit oder ich fühle mich nicht so gut. Ich halte eine mir selbst gesetzte Deadline nicht ein oder bin nicht so schnell, wie ich es mir wünsche – und plötzlich steht alles still. Es gibt nicht nur eine kurze Pause, einen kleinen, verschmerzbaren Durchhänger. Ich bin so frustriert, dass ich die Sache komplett hinterfrage. Dann bleibt es beispielsweise nicht nur bei der einen Woche ohne Blogpost. Aus dem kleinen Inspirationsloch wird ein ganzes Gedankenkarusell: „Warum mache ich das eigentlich? Sind alle anderen nicht eh besser? Dieser Blogger postet doch auch jede Woche etwas! Ich muss dran bleiben, sonst kann ich gleich aufhören.“ Ich bin auf der anderen Seite des Pferdes heruntergefallen. Und die Inspiration für neue Ideen ist noch tiefer in den Keller gesunken. Diese gedankliche Barriere geschieht mir nicht nur beim Bloggen. Es sind immer mal andere Bereiche meines Lebens, in denen ich mich zu sehr unter Druck setze und nicht die gesunde Mitte finde.

Die große Frage ist: Warum mache ich das?

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Klar, wenn ich ein wenig in der Vergangenheit wühlen würde, könnte ich vielleicht eine passable Antwort finden. Oder in diversen Persönlichkeitstest. Perfektionismus hat sicherlich eine Menge damit zu tun. Angst, zu versagen. Das Bestreben, Anerkennung zu finden durch das, was ich tue. Vergleiche mit anderen, die Ähnliches tun. Die Ungewissheit, ob ich mein Ziel jemals erreichen kann. Okay, vielleicht habe ich eine kleine Ahnung, warum… Auffällig ist auch, dass dieses Problem nur meine selbstgesetzten Ziele betrifft. In der Schule zum Beispiel habe ich gehorsam meine Soll’s erfüllt und kein Problem damit gehabt, Abgabetermine einzuhalten. Doch sobald ich mit dem Herzen bei einer Sache bin, steigt die Motivation ebenso wie die Versagensangst. Angst zeigt in diesem Fall, dass mir etwas wichtig ist. Die Frage, die also noch größer ist, lautet:

Was mache ich damit?

Was mache ich mit dieser Barriere, die ich mir regelmäßig selbst in den Weg stelle, obwohl ich ganz locker mit meinen Zielen und Vorhaben umgehen könnte? Wo ist sie, die gesunde Mitte: produktives Vorangehen ohne mich selbst unter Druck zu setzen und mich von meiner Versagensangst lähmen zu lassen?

Ich glaube, ich finde diese gesunde Mitte nicht in mir selbst, denn ich selbst stehe mir ja im Weg. Ich selbst bin es, die mich unter Druck setzt und mich mit anderen vergleicht. Das macht niemand anderer. Ja, ich kann meine Gedanken in gewisse Richtungen lenken und kontrollieren. Aber ehrlich gesagt: meine Gedanken gleichen manchmal einer ungezähmten Herde an Pferden, die wild durch die Gegend galoppiert…

Und das führt mich zu der Frage: Was genau bedeutet es, Gott zu vertrauen? Denn es ist schnell gesagt: „Ich vertraue darauf, dass Gott alles gut machen wird.“ Aber was bedeutet es, das zu leben? Da habe ich noch einiges zu lernen. Besonders dann, wenn ich mich zu sehr unter Druck setze. Vertraue ich wirklich in Gott, wenn ich in tiefe Frustration verfalle, nur weil ich es ein paar mal nicht geschafft habe, eine selbst gesetzte Deadline einzuhalten? Müsste dieses Vertrauen nicht auch beinhalten, dass ich daran glaube, dass Gott mich aus meiner Unproduktivität wieder herausholen kann? Nur weil ich unproduktiv bin bedeutet es nämlich nicht, dass ich das falsche Ziel verfolgt habe. Es bedeutet nicht, dass ich versagt habe und die Sache hinschmeißen kann. Gott ist nicht von meiner Menge an Inspiration abhängig. Darauf kann ich vertrauen.

Bedeutet dieses Vertrauen also, dass ich Gott alles machen lasse und mich zurücklehne? Da ist er: Der Trugschluss. „Okay, Gott, ich sehe nun, dass ich das allein nicht gebacken kriege. Jetzt mach du mal und ich geb es erst einmal auf.“ Das ist kein Vertrauen. Denn dahinter steckte ein: „Ich habe keine Lust mehr. Ich habe Angst. Ich lasse es lieber gleich.“ Wenn ich gar nicht erst in Bewegung bin, habe ich auch nichts, das ich Gott anvertraue. Wenn ich komplett aufhöre zu schreiben, nur weil ich an einem Donnerstag nichts gepostet habe, bringt mich das nicht weiter.

Wie also bleibe ich fest im Sattel sitzen?

Es gibt drei Punkte, die ich mir erneut bewusst machen möchte:

  1. Gott wird mich ans richtige Ziel bringen. Er lässt mich nicht einfach vor die Wand rennen oder eine Schlucht herunterfallen. Er sieht meine Träume und Herzensanliegen. Er sieht meine Motive und weiß, was gut ist. Er kennt das richtige Timing. Darauf darf ich vertrauen. Egal, ob mir Inspiration, Zeit oder Lust fehlt. Das ist mein Fundament, auf dem ich aufbaue. Der bequemste Sattel, in den ich mich setzen kann.
  2. Ich gebe das, was ich habe. Schritt für Schritt. Nicht mehr und nicht weniger. Simpel, oder? Und doch ist es manchmal so schwer. Menschen sind zu oft versucht, sich zu verausgaben und auszubrennen – oder in Lethargie zu verfallen, aufzugeben und zu resignieren. Keiner dieser beiden Zustände ist gesund. Doch wenn ich Gott Schritt für Schritt das zur Verfügung stelle, was ich jetzt gerade habe (die Zeit, die Kraft, die Ideen), kann er den Rest machen. Dann kann er genau das vollbringen, was das beste ist. Ja, er kann sogar Dinge vollbringen, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe.
  3. Meine Schritte dürfen klein, machbar und konkret sein. Sie dürfen es nicht nur, sie sollten es sogar. Nur so kann ich sicherstellen, dass ich mich nicht selbst überfordere und trotzdem in Bewegung bleibe. Besonders gut tut es mir außerdem, wenn ich diese Schritte mit anderen bespreche. Projekte, die ich gemeinsam mit anderen angehe sind interessanterweise eher selten von meinem Problem, mich selbst unter Druck zu setzen, betroffen. Ich bleibe dabei nämlich nicht nur in meinem eigenen Kopf, sondern erarbeite realistische Ziele gemeinsam mit anderen. Gutes Teamwork ist genial! Und wenn ich etwas allein erreichen möchte, habe ich dennoch ausgewählte „Berater“ an meiner Seite.

Und zu guter Letzt noch einmal: Vorhaben sind okay. Ja, wirklich! Sie können uns fördern und voranbringen. Doch wenn Gott mir leise zuflüstert, dass diese Woche etwas anderes höhere Priorität hat als mein Blog-Beitrag dann ist das schlicht und ergreifend auch okay. Gott möchte, dass ich frei bin und mich von nichts versklaven lasse. Auch – ja besonders – nicht von mir selbst.

Constanze

(Photo by Sean Pollock)

Advertisements
Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Gedanken

Wann es mir leicht fällt, im Moment zu leben

Aah, wem ist aufgefallen, dass vor drei Tagen Donnerstag war und ich nichts gepostet habe? Niemandem? Auch okay 😉 Das Leben ist dazwischen gekommen. Und wisst ihr was? Das war gut so.

Ich bin ziemlich zielorientiert. In den letzten Jahren hab ich gemerkt, wie sehr. Langeweile ist für mich so eine Sache… Ich kann sie nur ertragen, wenn ich sie mir selbst ausgesucht habe. Ich will produktiv sein. Ich will vorankommen. Und dabei ist es eigentlich egal, um was es geht: Ob putzen, kochen, Musik machen, schreiben, studieren, arbeiten. In all dem muss ich das Gefühl haben, auf etwas zuzugehen – das Gefühl, die Sache aus einem bestimmten Grund zu machen. Aus einem Grund, von dem ich selbst überzeugt bin. Es heißt nicht, dass ich viel machen möchte. Ich will nur etwas Sinnvolles tun und in diesem Sinnvollen vorankommen. Es bedeutet auch nicht, dass ich nicht entspannen kann – das kann ich sogar ziemlich gut. Ich liebe es, im Urlaub mein Handy auszuschalten und einfach nur zu „sein“ oder am Sonntag einen Serien-Marathon zu starten. Zu lesen, zu essen, zu quatschen. Doch selbst diese Entspannungszeit möchte ich einplanen.

Diese Eigenschaft ist mir Stärke und Schwäche zugleich. Sie lässt mich strukturiert an Dinge herangehen. Sie macht mich produktiv und begeisterungsfähig. Und ich bin in der Lage, andere damit anzustecken. Zugleich stehe ich jedoch immer mal wieder in der Gefahr, mich darin zu verlieren. Zu machen, zu streben – und wenn ich plötzlich nicht weiterkomme, schnell zu verzweifeln. Mein Mann muss mich regelmäßig beruhigen, wenn ich mal ein wenig ziellos bin. („Manno, ich kann grad an nichts weiterarbeiten…“ „Na, dann entspann dich doch einfach, das ist auch okay.“ „Ich hab morgen schon Zeit zum Entspannen eingeplant, das kann ich ja nicht heute auch schon machen.“ So oder so ähnlich.)

Ich arbeite daran und mache mir immer wieder von neuem klar, dass von meinen Plänen nichts abhängt. Ja, ich darf meine Zielstrebigkeit einsetzen. Es ist ein Instrument, dass ich mir zu Nutze machen kann. Aber von ihm hängt im Endeffekt nicht alles ab. Wie befreiend! Gott macht auch dann etwas aus meinem Leben, wenn ich mal keinen ausgeklügelten Plan habe oder meine Ziele unklar sind.

Und dann gibt es da immer wieder diese Momente, in denen es mir gar nicht so schwer fällt, das zu glauben. Momente, in denen ich das Gefühl habe, dass ich der spontanste Mensch auf der Welt bin und in denen ich vor allem eines kann: im Hier und Jetzt leben.

Meine letzten Tage verliefen mal wieder nicht ganz nach Plan. Und man könnte meinen, dass mich das verrückt gemacht hat oder dass ich mich ziellos gefühlt habe – aber so war es nicht. Und heute fiel mir auf, warum: Es waren „Beziehungsmomente“, die meine Pläne durcheinander gebracht haben. Es war das doch etwas länger andauernde Frühstück mit einer Freundin, weil es so viel Wichtiges zu besprechen gab. Es war die fehlende Anzahl an Stunden, die ich an meinem Fernkurs arbeiten konnte, da ich über das Besprochene nachdenken musste. Es war das spontane Treffen im Café mit einer anderen Freundin. Kurzfristig jemandem zur Seite stehen und helfen. Ja, diese spontanen Café-Treffen empfinde ich sogar als die besten überhaupt!

Es sind solche Momente, in denen ich absolut präsent im Hier und Jetzt bin. Wie oft wünsche ich mir, dass ich mehr im Moment leben könnte. Wie oft merke ich, dass ich mir zu viele Sorgen mache, zu viel über die Zukunft nachdenke. Und dann ist da auf einmal ein Freund, der Hilfe braucht und plötzlich sind meine Prioritäten wieder klar und ich merke, wie wertvoll es ist, Zeit zu verschenken. Wie wertvoll es ist, mein ganzes Tun und Streben zu vergessen und einfach nur für jemand anderen da zu sein.

Versteht mich nicht falsch – das bedeutet nicht, dass ich von nun an nur noch Zeit mit anderen verbringen und an andere verschenken sollte. Grenzen sind wichtig, darüber habe ich zum Beispiel hier geschrieben. Besonders als introvertierte Person benötige ich immer wieder meine Rückzugs- und Auftankzeiten. Doch es gibt Phasen, da helfen mir diese spontanen „Beziehungsmomente“, um aus mir selbst herauszutreten. Phasen, in denen ich ansonsten in der Gefahr stehe, mich in mir selbst und in meinen Zielen zu verlieren, wenn nicht hin und wieder etwas völlig Ungeplantes auf mich zukommen würde. Im Besonderen sind es Gespräche, für dich ich gern mal alles stehen und liegen lasse. Für die ich gern mal später ins Bett gehe oder das Putzen auf einen anderen Tag verschiebe (Nun gut, dass fällt auch nicht sooo schwer…). Sie lassen mich irgendwie lebendig fühlen. Und genau diese Lebendigkeit und Lockerheit würde ich gern auf viel mehr Bereiche in meinem Leben übertragen. Ja, ich möchte zielstrebig vorangehen. Aber ich möchte nicht verkrampfen oder verzweifeln, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Denn dann wartet vielleicht schon eine geniale, spontane Planänderung an der nächsten Ecke…

Wann kannst du so richtig „im Moment“ leben? Was hilft dir, spontan zu sein? Oder bist du sowieso kein planender Typ und lässt alles auf dich zukommen? Ich bin gespannt zu lesen, wie es dir damit geht.

Constanze

(Photo by Luke Chesser)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Gedanken

Eine ungewöhnliche Liebeserklärung

Vor kurzem, als ich in der Straßenbahn saß, belauschte ich das Gespräch von zwei jungen Männern (Hände hoch, wer sonst noch Gespräche in der Bahn belauscht!). Ich liebe es, bei angeregten Diskussionen mit halbem Ohr dabei zu sein. Manchmal würde ich gern mit ins Gespräch einsteigen, aber dafür fehlt mir dann doch der Mut. Vor allem dieses Mal ärgerte mich das! Ich musste wirklich an mich halten, nicht zu protestieren – nicht anwaltlich für etwas einzuspringen, was mir merkwürdigerweise am Herzen liegt: das Plattenbaugebiet.

Einer der beiden Männer lebte anscheinend zentrumsnah, während der andere Beratung bei seiner Wohnungssuche benötigte. Der erste riet ihm davon ab, in besagtes Plattenbaugebiet zu ziehen: „Da lebt halt schon ein bestimmtes Milieu – das ist wie eine eigene kleine Stadt. Und man muss 15 Minuten mit der Straßenbahn in die Stadt fahren!“ Ich riss mich zusammen, nicht die Augen zu verleiern. Über die Bedeutung einer Viertelstunde kann man wirklich streiten.

Ja, ich muss gestehen: Als wir  im letzten Jahr von einer süßen kleinen Altbauwohnung in unsere jetzige Wohnung im Plattenbaugebiet umzogen, war auch ich ein wenig traurig über diese Veränderung. Und ich stellte es manchen Freunden gegenüber so dar, als ginge es schlicht nicht anders: Mehr Platz, mehr Zimmer und das für viel weniger Geld als in einer von Vintage-Charme besessen Altbauwohnung in der Innenstadt. „Wenn wir das gegeneinander abwägen, ist es so nun einmal sinnvoller.“ Das sehe ich auch immer noch so. Doch umso länger ich hier lebe und umso mehr ich darüber nachdenke, merke ich: Ich habe, neben den praktikablen Gründen, eine tief verankerte (wohlgemerkt auch biographisch bedingte) Zuneigung zu Neubaublöcken und ich möchte damit aufhören, Dinge zu sagen wie „Na ja, im Neubaugebiet halt, ist eben günstiger“ wenn andere mich fragen, wo wir nach unserem Umzug nun wohnen.

Heute früh öffnete ich das Fenster in unserem Schlafzimmer ganz weit und lehnte mich hinaus. Das ist zu einer kleinen Gewohnheit von mir geworden: Einmal Kopf in die kalte Luft und schon bin ich wach! Aber es ist nicht nur das. Wir wohnen im Erdgeschoss unseres fünfstöckigen Blocks und ich habe das Gefühl, der Welt auf diese Weise „Guten Morgen“ sagen zu können. Im Erdgeschoss kommt es mir so vor, dem Leben ein Stückchen näher zu sein – mit den anderen Menschen, die immer wieder vorbeilaufen, mehr verbunden zu sein. Plattenbaugebiet und auch noch ganz unten? Das ist für einige Leute die schlimmste Kombination überhaupt. Sie fühlen sich unsicher, haben Angst. Und was noch dazu kommt: Man muss immer die Post für alle anderen im Haus annehmen.

Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht denke ich einfach nicht zu viel darüber nach. Aber ich kann mittlerweile aus vollster Überzeugung sagen, dass ich mich hier pudelwohl fühle. Hier, wo viele Rentner und große Familien wohnen, die sich eine andere Wohnung einfach nicht leisten können. Hier, in einer Gegend, die man wohl „sozialschwach“ oder so nennt. Hier fühle ich mich mittendrin – auch wenn ich eine Viertelstunde mit der Bahn fahren muss, um ins Stadtzentrum zu gelangen.

Ist es nicht alles nur eine Frage der Perspektive?

Indem ich die Post für andere annehme, kann ich in Kontakt mit Postboten und Nachbarn treten und jemandem ein Lächeln schenken, der an diesem Tag vielleicht noch gar nicht angelächelt wurde. Indem ich regelmäßig mit der Bahn fahre, kann ich Bücher lesen, für die ich mir sonst keine Zeit nehme, Gedanken nachhängen oder (zugegebener Maßen) Mails checken, auf Instagram herumscrollen… Ich kann freundlich die ältere Frau vom Nachbareingang grüßen, die einen großen Teil ihres Tages damit verbringt, aus dem Fenster zu schauen. Und ich muss gestehen: Auch ich beobachte gern durch unser Küchenfenster, wer in unseren Hauseingang aus- und eingeht. Ich versuche, mir Gesichter zu merken. Und ich hoffe, dass ich eventuell zur Belustigung von irgendjemandem beitrage, der mich früh morgens orientierungslos in der Küche herumlaufen sieht.

Und ist es nicht gerade gut, in einer Gegend zu leben, in der viele Menschen als bildungsarm abgestempelt werden? Stell es dir einmal vor: Arbeitslose und Akademiker, alleinerziehende Mütter und die durchschnittliche Mutter, Vater, Kind – Familie Tür an Tür… Ist das zu verrückt, um wahr zu sein? Würde das nicht gerade dieses Stigma ein wenig auflockern und Vielfalt in ein klischeebehaftetes Milieu bringen?

Und dann sind da noch all die anderen Vorteile dieser Wohngegend: Sofort verfügbares warmes Wasser, wenn man den Wasserhahn aufdreht. Ordentlicher Wasserdruck. Sinnvoll geschnittene Wohnungen statt verwinkelte Zimmerchen. Große Fenster.

Oh, ich weiß, wie schön es in Altbauwohnungen und Mehrfamilienhäusern ist. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, komme ich aus dem Schwärmen nicht heraus! Ich weiß, was man all meinen Argumenten entgegensetzen kann. Und deshalb geht es mir auch gar nicht um ein Abwägen, Pro und Contra – Listen oder Urteilen über den besseren Lebensstil. Es geht mir schlicht darum, zu einem Perspektivwechsel zu ermutigen: Es ist möglich, ein völlig erfülltes und schönes Leben im Block führen zu können. Ich jedenfalls tue es. Vielleicht ändert sich meine Wohnungssituation irgendwann noch einmal. Vielleicht auch nicht. So oder so mache ich das Beste daraus.

Vor ein paar Tagen fragte ich einen Bekannten, der mit der gleichen Straßenbahnlinie wie ich fahren wollte, ob er auch im Neubaugebiet wohne, und er antwortete: „Neeeee, da doch nicht!“ Und ich entgegnete „Wie, neeeee, da doch nicht? Ich wohn da auch!“ Ich mag es irgendwie, Leute damit zu erstaunen, dass ich in einem Neubaublock lebe und es mir wunderbar damit geht.

Und vielleicht traue ich mich ja, das nächste Mal in der Straßenbahn etwas zu sagen, wenn ein Student verzweifelt auf Wohnungssuche ist.

Constanze

(photo by Martin Loeffler)

 

 

 

Veröffentlicht in Gedanken

Nur ein paar Sonntagsgedanken

Ich habe mir überhaupt nicht vorgenommen, in diesem Jahr mehr Sport zu machen oder so (außer natürlich die Sache mit den Liegestützen). Aber irgendwie ist es passiert, dass ich seit dem 01.01. sehr diszipliniert dran bleibe (7 Tage also – wooow). Bei mir funktionieren Dinge manchmal genau dann am besten, wenn ich sie mir bewusst nicht vornehme. Ich weiß, klingt komisch! Ich mache mir Gedanken über etwas, bewerte es für gut und sinnvoll und nehme es mir dann doch nicht vor – aus Angst zu versagen, aus dem Wissen heraus, dass es zu schwer sein könnte, es durchzuhalten. Das Verrückte ist, dass ich mich in diesem Moment jedoch selbst herausfordere: Was ist, wenn ich trotzdem einfach mal loslege? Ganz „geheim“ sozusagen, ohne offizielles Vorhaben? Wenn ich es einfach ausprobiere, ganz ohne Druck? Und bäm, der psychische Trick ist vollbracht. Ich finde Freude daran und bleibe genau deswegen dran, weil ich es freiwillig tue und mich täglich neu dafür entscheide.

Und so kommt es, dass mir Sport momentan tatsächlich Freude bereitet. Ich nutze einen Workout-Kalender, der mir meine Übungen täglich vorgibt – Denkarbeit wird also schon mal eingespart. Und immer, wenn ich fertig bin, fühle ich mich frisch (jap, ein wenig paradox) und motiviert. Kennt ihr diese Leute, die ständig sagen, dass man glücklicher und ausgeglichener ist, wenn man regelmäßig Sport treibt? Ich befürchte allmählich, sie könnten Recht haben.

Heute zum Beispiel. Heute ist Sonntag und ich bin ziemlich begeistert vom Gottesdienst zurückgekommen. Tolle Predigt, tolle Musik und noch dazu eine produktive Musik-Besprechung im Anschluss. Nach so etwas bin ich manchmal total überfüllt im positiven Sinne. Als ich zu Hause ankam, fühlte ich mich energiegeladen und vor allem inspiriert. In solchen Momenten muss ich an meine Kind- und Jugendzeit denken, in der ich zu meinen Schwestern gesagt habe: „Hey, lasst uns irgendein kreatives Projekt machen!“ „Okay gern, und was?“ „Keine Ahnung, aber irgendetwas Cooles, los geht’s!“ So in der Art. Die Energie und die Inspiration sind da, doch es fehlt hin und wieder an der konkreten Umsetzung. Heute hatte ich tausend Ideen und eigentlich auch Konkretes in der Hand. Ich hätte sofort anfangen können, aber ich wusste überhaupt nicht, wo. Früher hätte mich das frustriert. Heute weiß ich, dass ich mich erst einmal wieder ein wenig „erden“ und Ruhe finden muss. Gedanken sortieren, strukturieren. Ich war ziemlich erstaunt von mir selbst, dass mir in diesem Moment Sport in den Sinn kam. Gedacht, getan! Neben Kalorien konnte ich dabei meinen Energieüberschuss im Kopf verbrennen und gedanklich ein wenig herunterkommen.

Es ist mal wieder so ein Tag, an dem ich begeistert bin. Begeistert vom Leben so an sich, von Gottes Liebe, von Kreativität, Ideen, Sport… Manchmal fällt es mir schwer, zu dieser Begeisterung zu stehen. Ich tendiere dazu, sie selbst wieder kleinzureden vor anderen Leuten. Genau genommen habe ich das gerade erst wieder getan, aber ich wurde zum Glück sofort darauf hingewiesen. Ich habe immer ein wenig Angst, dass mein Gesprächspartner nicht so begeistert von meiner Idee sein könnte. Ich rede los und denke plötzlich: „Oh nein, vielleicht findet der andere das gar nicht so toll wie ich!“ Aber selbst wenn – es macht nichts! In den meisten Fällen steckt Begeisterung an, auch wenn der andere es nicht zeigt. Im Ernst: mich kann sogar jemand mit seiner Begeisterung zur Modelleisenbahn anstecken.

Da heute Sonntag ist, werde ich allerdings keine kreativen Projektideen mehr konkret umsetzen. Ich werde entspannen, sacken lassen, und genießen. Es kann nicht schaden, den eigenen Aktivitätsdrang hin und wieder ein wenig zur Ruhe zu bringen. Aber die Begeisterung darf ruhig bleiben! Und mich morgen wieder antreiben.

Von was bist du heute begeistert? Fühl dich frei, mich damit anzustecken!

Constanze

(photo by Photo by Edu Lauton)

Veröffentlicht in Aus dem Alltag, Gedanken

Ein „unmelancholischer“ Start

Soeben habe ich bei Spotify „meinen Jahresrückblick 2017“ eingeschaltet und mich mit Kopfschmerzen und Laptop auf unser Sofa gesetzt. Nein, einen Kater habe ich nicht – nur absoluten Schlafmangel! Und dennoch bin ich glücklich und inspiriert zum Schreiben. Und während ich das schreibe läuft im Hintergrund „I’m wiser from the mess you made…“ Irgend so ein Abrechnungs-Lied, was wohl eher wegen der Melodie als wegen des Textes in dieser Playlist gelandet ist. Und dennoch: Auch ich fühle mich ein wenig weiser. 2017 hat mich geformt und mir zu Klarheit in vielerlei Hinsicht verholfen. Glücklich bin ich aber nicht nur, weil ich voller Zuversicht auf 2018 schaue, sondern weil unsere Wohnung sich durch unsere gestrige kleine Silvesterfeier nun endlich eingeweiht anfühlt und ich spüre, dass auch im bisher recht kahlen Wohnzimmer etwas mehr Leben herrscht.

Ich bin nicht wirklich der geborene „Party-Schmeißer“. Ich mache mir vorher zu viele Gedanken, habe kein hochtalentiertes Händchen für Essen oder Deko und frage mich zu oft, ob auch alle Gäste glücklich sein werden. Umso glücklicher war ich, dass mein Mann und zwei Freunde bei den Vorbereitungen kräftig angepackt und unsere frisch bezogene Wohnung in etwas verwandelt haben, dass sich gemütlich und einladend anfühlt. Trotz dessen dass ich mich nicht als der geborene Gastgeber fühle, kann ich es nicht lassen, hin und wieder Freunde einzuladen. Ich mag Menschen einfach zu sehr und ich mag es, sie glücklich zu machen. Wenn eine Feier dann läuft, habe ich merkwürdigerweise hin und wieder Lust, einfach an den Rand zu gehen und zuzuschauen. Aber nein, dabei blieb es gestern Abend zum Glück nicht! Wir haben leckere Burger gegessen, eigens ausgedachte kommunikative Einschätzungsspiele gespielt (Wer liebt Kommunikationsspiele genauso wie ich??), mit viel „Oooooh“ und „Ahhhh“ und „Schau mal, daaa!“ Feuerwerk bewundert und uns Planking-Duelle geliefert. (Ich hätte fast, wirklich fast, gegen meinen Mann gewonnen!). Und ich habe gelernt, wie man ordentliche Liegestütze macht. Mach dich gefasst, 2018!

Außerdem haben wir genau das ein wenig getan, über was ich in meinem letzten Blog-Beitrag geschrieben habe: reflektiert und vorausgeschaut.

 

 

Meine beste Freundin und ich sind dabei zu einer interessanten Feststellung gelangt: Noch nie waren wir so „un-melancholisch“ am Jahresende. Noch nie haben wir so bereitwillig das vergangene Jahr abgeschlossen und auf das nächste geschaut. Wir hingen nicht an etwas im vergangen Jahr, von dem wir nicht loslassen konnten. Wir schauten gespannt auf das Kommende. Ich bin gern hin und wieder ein melancholischer Mensch. Doch das hat sich gut angefühlt!

2018. Ich muss zugeben, ich habe nun doch einen kleinen inoffiziellen Vorsatz: Liegestütze lernen. Aber was alles andere angeht heißt es wie letztes Jahr: Dranbleiben. Weitermachen. Schauen, was kommt. Bereit sein. Suchend. Und in allem: Vertrauend auf Gott. Vertrauen, dass alles seine Zeit hat und dass ich nicht immer im Vorhinein wissen muss, was genau das bedeutet.

Kennt ihr das? Die ersten Monate eines Jahres sind häufig von einer gewissen Trägheit erfüllt. Oft schon hatte ich das Gefühl, nach Silvester erst einmal wieder „reinkommen“ zu müssen. Reinzukommen ins Leben – auszuloten, was eigentlich los ist und ansteht. Meist geht das schon am 01.01. los. Man schläft aus, räumt den Müll vom letzten Abend weg, ist müde, … Und genau das trifft auch heute auf mich zu. Doch nachdem ich eine Weile im Bett gelegen und irgend eine Serie geschaut habe, weil ich zu müde für lebendigere Aktivitäten war, stand ich auf, schnappte mir die Unterlagen von meinem anstehenden Fernkurs, den Laptop, ein Glas Wasser und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich wusste nicht so genau, was ich machen wollte, aber ich wusste eins: Dieser Tag ist genauso wertvoll wie jeder andere und ich wollte, dass er zumindest ein wenig von dem gezeichnet sein würde, auf was ich mich im neuen Jahr freute.

Also sitze ich hier und schreibe. Und vielleicht gibt es gleich noch einen weiteren Neujahres-Burger.

Und wie startest du in das neue Jahr?

Constanze

(Photo by Brooke Lark)

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes

Silvester – eine gute Gelegenheit

Es ist soweit. Die „Übergangs-Saison“ ist offiziell im Gange. Weihnachten ist vorbei und man kann in aller Melancholie durchstarten und mit weinendem oder lachendem Auge auf 2017 zurückschauen. Schon wieder ein Jahr vorbei. Wie kann das denn nur sein? Manche Dinge erstaunen immer wieder.

Nun, mit dieser Jahreswechsel-Sache geht jeder anders um. Manchen ist es ziemlich egal: der 01.01. ist ein Tag wie jeder andere und nur weil irgendjemand das Jahr mal in zwölf Monate eingeteilt hat, ist das noch lange kein Grund, am 31.12. in Panik zu verfallen. Und dann sind da die anderen: Die, die schon im letzten Drittel des vorangegangenen Jahres wissen, welche Vorhaben sie sich für das kommende Jahr setzen. Abnehmen, mehr Sport, mit Rauchen aufhören, glücklicher sein… die Klassiker eben. Der Jahreswechsel ist für sie die Gelegenheit, um gute Vorsätze endlich in die Tat umzusetzen.

Dieses Jahr habe ich noch einmal etwas genauer darüber nachgedacht, was Silvester für mich bedeutet. Denn ich befinde mich auf keiner dieser beiden Seiten. Bei mir ist es ungefähr so:

Ich mag Silvester. Ich mag es, wenn etwas zu Ende geht und etwas Neues startet. Einfach nur so, eigentlich. Ich mag das Melancholische daran, der „Zauber“, der dieser Veränderung inne wohnt. Ich schätze das Vergangene und freue mich auf das Zukünftige. Doch ich messe dem Jahreswechsel keine schwerwiegende, existenzielle Bedeutung bei. Und vor allem halte ich tatsächlich nicht viel von „guten Neujahresvorsätzen“. Ich glaube, dass es viel sinnvoller ist, gute Vorsätze genau dann in die Tat umsetzen, wenn sie einem in den Kopf kommen. Ein Neustart geht immer! Es wäre schlimm, wenn wir immer bis Silvester warten müssten.

Doch nur, weil ich mir keine guten Vorsätze überlege, bedeutet das nicht, dass ich den Jahreswechsel völlig ignorieren muss. Meine beste Freundin und ich haben schon vor Jahren, am Anfang unserer Freundschaft, entdeckt, wie sehr uns das gemeinsame Reflektieren Freude bereitet. Ich glaube, es war ihr 13. Geburtstag, als wir das erste mal abends im Bett überlegt haben, was ihr letztes Lebensjahr ausgemacht hat und welche besonderen Ereignisse stattgefunden haben. Und dann überlegten wir, was im nächsten Jahr wohl passieren könnte – wilde, aber auch ernsthafte, Spekulationen sozusagen. Mit der Zeit wurde es etwas, das wir regelmäßig taten: Zurückschauen, auswerten und vorausschauen. Nicht nur so nebenbei – zu besonderen Anlässen nahmen wir uns immer mal wieder konkret Zeit dafür.

Aber was ist so besonders daran, zu reflektieren und vorauszuschauen? Ist das nicht irgendwie doch wie „Vorsätze machen“?

Ich glaube, dass viele Menschen es unterschätzen, innezuhalten und zu reflektieren. Was genau bedeutet das? Es bedeutet, einen genauen Blick darauf zu werfen, was passiert ist. Es bedeutet, daraus zu lernen. Was ist gut gelaufen, was schlecht? Warum? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen? Viel zu oft stolpern wir von einer Sache zur nächsten, ohne zu verarbeiten. Ohne sich vom Alten „zu verabschieden“. Doch wenn wir uns nicht verabschieden, können wir auch nicht wirklich etwas Neues begrüßen. Betrachte es mal so: Bist du bereit, an einer neuen Arbeitsstelle zu beginnen, wenn du dich nicht mal bei deinen alten Arbeitskollegen verabschiedet hast? Bist du bereit, in eine neue Stadt zu ziehen, wenn du nicht noch einmal in deinem Lieblingscafé oder Lieblingspark gewesen bist?

Es tut uns nicht nur gut zu reflektieren – wir brauchen es. Wenn wir wichtige vergangene Erlebnisse nicht auswerten, stauen sich Gefühle und Gedanken an, die womöglich zu irgendeinem anderen Zeitpunkt aus uns herausbrechen, wenn wir es gerade gar nicht gebrauchen können. Also halte lieber gleich inne, wenn du etwas beendest. Nimm dir etwas Zeit. Silvester ist schlicht eine von mehreren guten Gelegenheiten, um genau das zu tun. Klar, es ist nicht existenziell entscheidend, dass das Jahr in 12 Monate eingeteilt ist und nun wieder Nummer 1 beginnt. Aber diese äußere Struktur kann uns dazu dienen, zu innerer Struktur zu verhelfen. Verschiedene Fragen kannst du dir selbst stellen, um das letzte Jahr auszuwerten und abzuschließen:

  • Für was bin ich besonders dankbar im letzten Jahr? Welche besonderen Ereignisse stechen heraus? Habe ich neue Beziehungen geknüpft? Sind andere zu Bruch gegangen? Wie ist es mir mit meinem Job ergangen, mit meiner Ausbildung? Was lief gar nicht gut? Wann war ich richtig glücklich? Wann traurig?

Sei dankbar für die guten Dinge und würdige sie. Freue dich noch einmal mit anderen darüber. Schließe Frieden mit  den schlechten und lerne möglicherweise aus ihnen. Vergib anderen und vergib dir selbst, denn Gott tut es auch. Akzeptiere, wenn Dinge nicht so gut gelaufen sind, denn sie müssen nicht dein weiteres Leben bestimmen. Der Blick nach vorn könnte mit folgenden Fragen verbunden sein:

  • Stehen wichtige Ereignisse im neuen Jahr an? Freue ich mich auf etwas? Habe ich Angst vor etwas? Wie könnte ich mit Situationen im neuen Jahr besser umgehen, die ich im alten Jahr noch nicht so gut gemeistert habe?

Dennoch: Du kannst zu jeder Zeit reflektieren. Ich möchte einfach dazu ermutigen, immer mal wieder innezuhalten – wann auch immer für dich die beste Zeit dafür ist (Zum Geburtstag? Im Urlaub?). Und wenn wir Erlebnisse, Enttäuschungen, schöne Erinnerungen mit anderen teilen, wirken sie umso realer und können umso leichter abgeschlossen werden. Ebenso ist es mit den Dingen, auf die wir in der Zukunft schauen: wenn wir sie jemandem mitteilen, freut sich dieser jemand mit uns darauf oder begleitet uns in Ängsten. Unterschätze das nicht! Freunde und Familie müssen nicht zwingend praktisch helfen, um eine Unterstützung zu sein. Wie sehr helfen wir uns, wenn wir aneinander Anteil nehmen, uns zuhören und einfach nur um das Leben des anderen Bescheid wissen.

Wenn ich meinen Blog betrachte, gehe ich mit neuem Schwung ins nächste Jahr. Dieser Blog existiert erst seit knapp über einem Jahr und im vergangenen Jahr habe ich immer wieder hinterfragt, was und wie ich es hier mache. Ich wusste, dass ich schreiben wollte – und das nicht nur für mich, nicht nur zum Selbstzweck. Doch über was genau? Wie oft? Wer liest das überhaupt? Zum Ende des Jahres durfte ich immer mehr Gewissheit darüber erlangen, dass ich ganz authentisch über das schreiben darf, was mich bewegt – ob es Ermutigungen für andere sind, Einblicke und Erkenntnisse aus meinem Leben oder ganz Alltägliches. Und dass mein Glauben mich in all dem begleitet, was ich schreibe. Ich habe erkannt, dass mir regelmäßiges Schreiben gut tut, um mich weiterzuentwickeln und dass ich dran bleiben und mich nicht entmutigen lassen muss, nur weil ein Beitrag mal nicht so gut ankommt. Ich habe andere Blogger entdeckt, die ich gern lese und mich wiederum anspornen. Ich habe über mich gelernt, dass ich viel zu häufig von einer Projektidee zur nächsten springe und dass ich mich erst dann richtig entfalte, wenn ich mich mit einer gewissen Selbstverpflichtung auf eine Sache konzentriere. Das möchte ich mit diesem Blog weiterhin tun!

Auch persönlich war für mich das Jahr 2017 ein sehr wichtiges, erlebnis- und erkenntnisreiches (Obwohl ich das womöglich jedes Jahr sage?). Am Ende des Jahres 2016 wusste ich, dass sich irgendetwas ändern musste, vor allem was meine berufliche Laufbahn betraf. Ich hätte mir gewünscht, dass ich bereits im Jahr 2017 einen großen Schritt vorangekommen wäre. Doch jetzt weiß ich, dass ich das vergangene Jahr erst einmal dafür brauchte, um genauer herauszufinden, was ich ändern und in welche Richtung ich gehen wollte. Nun fühle ich mich bereit, die Veränderung anzugehen. Einige kleine Schritte bin ich dafür bereits gegangen und auch für meinen neuen Teilzeitjob bin ich sehr dankbar. Ich spüre, wie Gott in dem Tempo an mir arbeitet, wie es für mich gut ist. Oft erhoffen wir uns plötzliche, krasse Veränderung. Doch Gottes Timing ist genau richtig und das spüre ich Jahr für Jahr aufs Neue.

Ich hoffe, du begehst den Jahreswechsel so, wie es dir gut tut: laut und voller Glitzer oder ruhig, mit einem Glas Wein in der Hand. Schlafend, redend, feiernd – ganz egal wie: Gib dem Neustart immer wieder Raum in deinem Herzen.

Constanze

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes

Andere Prioritäten in der Weihnachtszeit?

Mein Mann hat mich vor kurzem gefragt, ob ich einen weihnachtlichen Blog-Beitrag schreibe. Und ich meinte nur: „Nee, das machen doch schon alle anderen – so über Besinnlichkeit in der stressigen Zeit, dass man sich Ruhe gönnen muss und so weiter. Da braucht es nicht auch noch meinen Input.“ Ironischerweise sagte ich das, nachdem ich die vollgekritzelte Monatsübersicht vom Dezember in meinem Bullet Journal betrachtet und mich gefragt hatte, wie diese Weihnachtszeit schon wieder so stressig werden konnte. Genau genommen hatten mein Mann und ich uns kurz zuvor mit unseren Kalendern hingesetzt und es mit Ach und Krach geschafft, zwei „weihnachtliche Pärchen-Dates“ in die nächste Woche zu quetschen. „Na genau darüber kannst du doch schreiben“, sagte er. „Dass man sich auch mal Termine mit dem Partner machen muss.“

Es mag auch nichts wirklich Neues sein, aber er hat Recht. Und warum sollte ich als Organisations-Liebhaber nicht auch etwas über Organisation zu Weihnachten schreiben? Aber halt mal… Geht es hier wirklich um Organisation? Beziehungen planen? Das klingt doch total unromantisch.

Ja, ich mag es zu planen und ich mag es, in meinem Bullet Journal alles fein säuberlich aufzuschreiben. Aber ich mach das nicht, weil es so schön aussieht, sondern weil es mir Freiheit im Kopf verschafft. Wenn ich Dinge nicht aufschreibe, nehmen sie mir sozusagen Speicherplatz weg. Deswegen bleibt mir gar nichts anderes übrig als mit Terminen und To do’s zu arbeiten, um freie Denkkapazitäten zu schaffen. Und so rettet mich auch das Planen in der Weihnachtszeit immer wieder vor einer „Mir-wird-alles-zu-viel“-Krise. Mir ist bewusst, dass andere Leute mindestens genauso viel zu tun haben wie ich und solche Krisen niemals haben. Ich bin, was das angeht, ein wenig sensibel und habe somit im Planen eine guten Umgang damit gefunden.

Gute Organisation hin oder her… Eine Sache habe ich in letzter Zeit in aller Deutlichkeit festgestellt: Beziehungen gehen vor. Sie haben Priorität. Und damit meine ich Beziehungen generell! Angefangen bei meiner Beziehung zu Gott, die Beziehung zu meinem Partner, meiner Familie, meinen Freundinnen… Ohne Beziehungen sind wir, tatsächlich, nichts! Gott hat uns als Menschen in Beziehungen gedacht. Wir sind abhängig von einer Beziehung zu ihm und ebenso darauf angewiesen, dass wir als Menschen füreinander da sind. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir somit nur Zeit mit anderen verbringen sollten und niemals allein sein dürften (Das wäre gar nicht gut!). Es geht mir darum, diesen Grundsatz der menschlichen Existenz anzuerkennen und angemessen für ihn zu sorgen. Und das eben auch in der Weihnachtszeit.

Da saßen mein Mann und ich also mit unseren Kalendern und dem vollen Dezember vor Augen. Kennt ihr das? Am 30. November denkt man noch: „Hm, irgendwie ist die Weihnachtszeit dieses Jahr gar nicht so voll, cool!“ und schwupp, kehrt sich diese Aussage ins Gegenteil. Mittlerweile stehe ich dem mit mehr Gelassenheit gegenüber als früher. Viele dieser Termine sind schöne Dinge und wenn ich mich nur über den Stress aufregen würde, könnte ich sie gar nicht genießen. Und doch ist es weniger schön, wenn dadurch kaum Zeit mit dem Partner zustande kommt. Wir kamen an einen Punkt, an dem wir unsere Beziehung ein Stück weit wieder in den Mittelpunkt rücken mussten. Und ich sage euch: auf einmal wird das Planen einer Beziehung romantisch!

Wir sprachen darüber, was „Weihnachts-Flair“ für uns überhaupt ausmacht und was uns bisher für eine gemütliche Stimmung fehlte. Dann legten wir zwei Termine fest, für die wir uns spezielle weihnachtliche Sachen vornahmen. Es war gar nicht so leicht – da ich zur Zeit etwas mehr arbeite, viel auch abends, mussten wir ein bisschen suchen. Doch jetzt steht es da, schwarz auf weiß: Zeit mit meinem Mann. Konkrete Vorhaben. Es war nicht so, dass ich mich bisher gar nicht „weihnachtlich gefühlt“ hatte. Ich hatte schon eine Menge Teelichter verbrannt, Räucherkerzen angezündet und Weihnachtsmusik von den Piano Guys gehört. Aber im Endeffekt ist mir dieses undefinierbare Weihnachtsgefühl gar nicht so wichtig. Wichtig sind mir nach wie vor Menschen, mit denen ich solche Gefühle teilen kann.

Es ist schön, wenn es anders ist, wenn Beziehungspflege ohne Planung möglich ist. Es ist schön, wenn du ganz natürlich genügend Zeit mit Partner, Freundin oder anderen wichtigen Personen im Leben verbringen kannst. Doch wenn es mal nicht gelingt, solltest du nicht dabei stehen bleiben, darüber zu trauern oder sich über den Stress aufzuregen. Langfristig gesehen führt das nur zu Frustration, Gereiztheit und Co. Nimm es stattdessen in die Hand! Plane Dinge, die du sonst niemals planen würdest. Hol das Beste heraus, egal wie viel oder wenig es ist. Planung schafft Freiraum. Und es mag paradox klingen, aber Planung schafft auch Spontanität! Nämlich dann, wenn du ebenso freie Zeiten einplanst (oder einfach nicht jedes Zeitfenster verplanst), in denen du flexibel sein kannst. Das gibt die Möglichkeit, spontan den Besuch einer Freundin zu empfangen oder jemandem spontan behilflich zu sein oder in Ruhe Zeit mit Gott zu verbringen. Also wieder: Beziehungen.

Schenk ihnen auch in der Weihnachtszeit die nötige Zuwendung. Eigentlich ein merkwürdiger Ratschlag, da doch gerade Weihnachten ein Fest ist, welches man mit Familie und Freunden teilt. Aber ich meine eben nicht die zahllosen obligatorischen Weihnachtsfeiern oder Gemeindeveranstaltungen oder oder oder… (Alles an sich gute Sachen, keine Frage!) Ich meine Zeiten, in denen du wahre Aufmerksamkeit schenkst und empfängst: wahre Begegnung.

Es ist kein Zeichen, dass deine Beziehung den Bach heruntergeht, wenn du einen gemütlichen Filmabend oder den Gang über den Weihnachtsmarkt Wochen im Voraus einplanen musst. Es ist romantisch, verantwortungsbewusst und schafft Vorfreude.

Also los geht’s! 🙂

Constanze

Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle, Persönlichkeit

Lebendig in einer lebendigen Stadt – von Arbeit, Berufung und Produktivität

Ich habe es wieder gemeistert: die Kunst, ohne Schwanken durch eine Straßenbahn zu laufen während diese gerade in eine Kurve fährt. Jetzt habe ich endgültig das Gefühl, wieder angekommen zu sein – angekommen in einer Stadt, die sich geradeso Großstadt nennen darf (wenn man allerdings die Anzahl der bekannten Gesichter zusammenzählt, die man täglich in der Innenstadt trifft, relativiert sich diese Bezeichnung wieder). Es ist meine Heimatstadt, in der ich nun nach anderthalb Jahren wieder lebe. Irgendwie fiel es mir gar nicht so leicht, mich so selbstverständlich wieder einzufügen wie ich angenommen hatte. Ja, ich fühlte mich ein wenig wie ein Dorfkind, dass in die große, weite Welt hinauszog – was absoluter Quatsch ist, wenn man bedenkt, dass ich lediglich von einer Kleinstadt in eine etwas größere Stadt 20 Minuten Autofahrt entfernt gezogen bin.

Doch bei mir funktioniert es so: Wenn ich irgendwo lebe, dann richtig. Und mit „richtig“ meine ich, dass ich das gesamte, alle Facetten umfassende Lebensgefühl aufsauge, dass sich um mich herum abspielt. Genau deswegen dauert es bei mir auch etwas länger, bis ich angekommen bin – aber wenn, dann eben ganz. Da ist es ganz egal, ob der Unterschied objektiv betrachtet nicht so groß ist: Es war nun mal eine andere Stadt, in der ich bis vor kurzem gelebt habe und somit auch ein anderes Lebensgefühl. In diesem Fall würde ich es als gemütlich, warm und künstlerisch bezeichnen. Ich mochte es! Aber ein Grund, warum mein Mann und ich uns so auf diesen Umzug gefreut hatten, war unter anderem das Wissen darüber, dass es es sich hier „lebendiger“ anfühlt, ja irgendwie aktiver und jünger (was übrigens nicht zwingend etwas mit dem eigentlichen Alter von Menschen zu tun hat). Denn das mögen wir auch! Und nun, nach etwa anderthalb Monaten, habe ich auch wieder das Gefühl, hier wirklich zu leben.

Aber was genau heißt das eigentlich? „Lebensgefühl“, „lebendig“ – das sind ja alles recht schwammige Begriffe. Ich möchte euch deshalb einen kleinen Einblick darin geben, was es momentan für mich bedeutet und mit welchen persönlichen Zielen es verbunden ist.

Mehr Selbstinitiative

Mit dem Umzug hat sich für mich nicht nur der Wohnort geändert, sondern so ziemlich mein gesamter Alltag inklusive beruflicher Veränderungen. Das ist für mich prinzipiell nichts Neues, doch zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nun wieder das Gefühl, den Hauptteil meines Alltags mit Dingen verbringen zu können, von denen ich persönlich überzeugt bin. Darüber habe ich im letzten Jahr gefühlt in jedem zweiten Gespräch geredet, doch diese Erkenntnis war tatsächlich von schwerwiegender Bedeutung für mich: Erst wenn ich mich aktiv für eine Tätigkeit entscheide und sie selbst für wertvoll erachte, kann ich produktiv sein und – nicht zu vergessen – zufrieden. Ich habe darüber bereits im dritten Teil meiner „Was, wenn doch“-Reihe geschrieben, aber ich möchte noch einmal betonen, dass es mir nicht darum geht, nur „schöne“ oder „leichte“ Dinge zu tun. Manchmal ist es sogar genau das Gegenteil! Es geht darum, Wert in dem zu sehen, was ich tue. Und das ist bei mir sehr viel wahrscheinlicher, wenn ich selbst die Initiative ergreife.

Was ist Arbeit?

Doch hier kommt der entscheidende Knackpunkt für mich: Nicht allen Menschen fällt es leicht, diesen Wert in der klassischen Erwerbsarbeit zu finden – dort, wo wir einen Großteil unseres Lebens verbringen und wo es häufig erwartet wird, Sinn und Erfüllung zu empfinden.  Für manche mag das ganz selbstverständlich sein. Unser gesamtes Aufwachsen, unsere schulische Laufbahn dreht sich zu einem großen Teil darum, diesen Sinn in irgendeiner Form bezahlter Arbeit zu finden. Im letzten Jahr habe ich verstanden, dass es für mich so nicht funktioniert oder zumindest nicht so leicht. Für mich ist Arbeit mehr als die klassische Erwerbsarbeit.

Mehr Lebendigkeit

Seitdem wir umgezogen sind, habe ich wieder die Möglichkeit, dieser „untypischen“ Arbeit intensiver nachzugehen. Ich arbeite weniger Stunden in einem bezahlten Job und gehe mehr anderen Tätigkeiten nach. Und das führt mich zu dem lebendigen Lebensgefühl, von dem ich am Anfang geredet habe. Momentan kann ich mein Leben wieder aktiver, selbstbestimmter gestalten. Ich habe das Gefühl, mehr Dinge tun zu können, zu denen Gott mich berufen hat – die werden zwar nicht unbedingt bezahlt, aber sie fühlen sich wertvoll, gewinnbringend und produktiv an. Und somit sind sie für mich Arbeit. Dazu gehören für mich beispielsweise dieser Blog oder die Mitarbeit in meiner Gemeinde. Außerdem ist Weiterbildung für mich gerade ein wichtiger Punkt und ich gehe diesem auf verschiedene Weise nach. Das sind nur Beispiele – zentral für mich ist: Ich muss nicht zwingend morgens „auf Arbeit gehen“, um das Gefühl zu haben, zu arbeiten. Das hab ich jetzt sogar viel mehr! Und selten wird mir dabei langweilig. Manchmal bin ich lange Zeit zu Hause am Computer beschäftigt, manchmal düse ich von einem Termin zum nächsten, manchmal bin ich einige Stunden bei meiner „richtigen“ Arbeit und sitze danach noch in einem Cafe, um an einem Blog-Beitrag zu schreiben. Mein Alltag ist vielfältig geworden und dadurch fühle ich mich lebendig. Doch er ist nicht nur vielfältig um der „Vielfältigkeitswillen“, sondern weil es ganz natürlich meiner Persönlichkeit entspricht.

Keine Selbstverständlichkeit  

Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich in dieser Lebenssituation befinden darf. Ich bin unglaublich dankbar dafür, weniger Stunden bezahlter Erwerbsarbeit nachgehen zu können, um zusätzlich in die Arbeit zu investieren, die sich für mich außerhalb des Geld Verdienens abspielt. Mir ist auch bewusst, dass dies nicht unbedingt so bleiben muss oder ich es eventuell selbst irgendwann ändern möchte. Gerade deswegen ist es mir so wichtig, diese mir momentan anvertraute Zeit so gut wie möglich zu gestalten.

Und das fällt mir nun auch viel leichter! Vor einiger Zeit habe ich Anfragen, ob ich irgendwo helfen oder mitmachen kann, oft erst einmal als Belastung empfunden. Dies hatte nicht nur etwas mit meinem Zeitkontingent zu tun, sondern vor allem damit, dass mein (psychischer) Energielevel zu sehr damit beschäftigt war, eine Arbeit auszugleichen, die sich für mich nicht sonderlich produktiv angefühlt hat. Das zerrte an Körper und Geist. Nun ist es anders: Ich sehe mich viel mehr dazu in der Lage, realistisch einschätzen zu können, wo ich helfen kann und wo nicht und vor allem: Ich selbst habe Lust, Dinge aktiv ins Rollen zu bringen. Diese Energie möchte ich nutzen!

Neue Ziele

Wer diesen Blog schon eine Weile verfolgt, weiß, dass ich ein Freund von Organisation und Selbstdisziplin im Alltag bin. Es ist nicht so, dass ich perfekt darin wäre – aber immer, wenn es mir gut gelingt, bemerke ich die positiven Effekte: Ich bin produktiver, Vorhaben laufen leichter und Erholungsphasen sind auch wahre Erholungsphasen.

Außerdem mag ich Herausforderungen! Nachdem ich meine letzte Herausforderung zum Zucker- und Weißmehl-Verzicht beendet habe, möchte ich mich nun der nächsten stellen: früh aufstehen, obwohl es nicht zwingend nötig wäre.

Nun, für viele von euch ist es wahrscheinlich etwas ganz Gewöhnliches, für Schule oder Job das Bett frühzeitig zu verlassen. Ich persönlich habe das immer als etwas Fieses empfunden (wie meine Meinung dazu noch vor einem Jahr war, kannst du hier nachlesen). Ich war zwar nie ein Langschläfer, aber vor sieben Uhr fühlte ich mich auch nicht wirklich lebendig. Mittlerweile glaube ich zu wissen, woran das lag: Nach dem Aufstehen musste ich etwas tun, von dem ich lediglich „so halb“ überzeugt war – wenn’s gut lief. Es fehlte mir schlicht die Motivation. Wenn es dann am Wochenende die Gelegenheit gab, um auszuschlafen, habe ich sie gern genutzt, da ich glaubte im fehlenden Schlaf die Wurzel des Problems gefunden zu haben.

Sich also am früh Aufstehen zu erfreuen, wenn die Arbeit, der man nach dem Aufstehen nachgeht, tatsächlich keine Freude bereitet, ist aus meiner Sicht schwer umsetzbar. Doch da meine Arbeit (und all das, was ich eben als Arbeit bezeichne) mich momentan mit Sinn erfüllt, möchte ich diese Energie nutzen, um das Beste aus dem Tag herauszuholen. Da ich tendenziell sowieso ein Vormittags-Mensch bin, ist diese Herausforderung durchaus realistisch. Ich beginne mein Experiment mit der Uhrzeit 6:30 und passe dies je nach Verlauf an. Wie es sich anfühlt, ungezwungen und völlig freiwillig früh das wohlig-warme Bett zu verlassen, werde ich in etwa einer Woche in einem weiteren Blog-Beitrag auswerten.

Es ist jedoch nicht so, dass ich nur deswegen früher aufstehen möchte, um produktiver zu sein. Es geht mir auch nicht darum, meine To-do-Liste zu verlängern. Der viel essentiellere Grund ist, dass ich die Morgende genießen und mit Ruhe starten möchte. Dadurch verspreche ich mir mehr Produktivität und Gelassenheit in der Zeit, die ich auch vorher schon zur Verfügung hatte. Ich möchte in Ruhe meinen Kaffee trinken, wenn die Welt noch verschlafen ist und im Halbdunkel liegt. Ich möchte meinen Tag mit Gott starten – mehr als nur ein kurzes Pflichtgebet sprechen oder schnell ein Kapitel in der Bibel lesen, sondern wahrhaft Zeit in seiner Gegenwart verbringen. Ich möchte häufiger Frühsport treiben. Ich möchte in Ruhe ein Outfit für den Tag auswählen. Ich möchte das Küchenchaos des vergangenen Abends entfernen, bevor ich ein neues anrichte… Das muss nicht unbedingt alles an einem Morgen stattfinden, aber ich wünsche mir Freiraum für diese verschiedenen Optionen.

Ich gebe zu, dieser Blog-Beitrag war ein kleiner Rundumschlag zu vielen Gedanken, die mich gerade beschäftigen. Vielleicht werde ich mich mit einzelnen Themen noch intensiver beschäftigen. Gibt es etwas, worüber du gern mehr lesen würdest?

Wie geht es dir mit deiner aktuellen Arbeitssituation? Hast du das Gefühl, dass du etwas Sinnvolles, Produktives tust? Was ist deine Motivation, um früh aus dem Bett zu kommen? Hast du genügend Zeit, um gemütlich in den Tag zu starten? Arbeits- und Lebensstile sind unglaublich verschieden, weswegen ich gespannt auf deine (vielleicht komplett gegensätzliche) Meinung zu diesem Thema bin.

Constanze

(Photo by StockSnap)

Veröffentlicht in Gedanken, Motivierendes

Einfach, aber wertvoll! – was mich im Stress glücklich macht

Ich liege im Bett und bin kurz davor meine aktuelle Sucht-Serie in den DVD-Player zu schieben: „One Tree Hill“. Ja, genau die. Es ist eine dieser seichten High School/Junge Erwachsenen-Dramen, in der jeder mal mit jedem zusammen ist, verkorkste Familien und Freundschaften irgendwie versuchen, sich zusammenzuraufen und regelmäßig jemand vom Auto angefahren oder anderweitig in Lebensgefahr gebracht wird, damit die Sache auch spannend bleibt. Und ja, ich bin total „into it.“ (Die Freundin, die mich dazu gebracht hat, erwartet an dieser Stelle wahrscheinlich eine Danksagung – also: Danke! – und eine Entschuldigung für diese Kurzbeschreibung – Sorry! ;-))

Vor kurzem sind wir umgezogen und momentan fällt es mir schwer, einen „tiefsinnigen“ Blog-Beitrag über das Leben zu schreiben. Ich glaube, das liegt daran, dass ich sehr darauf fokussiert bin, „Wohnungsprobleme“ zu lösen, sodass mir lebensphilosophische Gedanken nicht so wichtig erscheinen. Praktische Probleme nehmen stattdessen viel Raum in meinem Kopf ein und ich musste zudem erst einmal lernen, dass das okay ist. Vielleicht bin ich ein wenig komisch, aber mein Leben dreht sich ansonsten sehr viel um soziale oder geistige Probleme (was wohl meinem Beruf, meinen Hobbys und meiner Persönlichkeit geschuldet ist). Manchmal macht es mich ganz verrückt, fast ausschließlich über praktische Dinge nachzudenken. Doch nun hatten und haben wir einiges zu tun, was unsere neue Wohnung angeht. Es ist viel zu klären, viel einzukaufen, viel auszupacken, viel zu bohren, zu bauen. Wer schon mal umgezogen ist, kennt es.

Heute ist mir aufgefallen, dass es in solchen Zeiten besonders die einfachen, „natürlichen“ Dinge sind, die mich zwischendurch immer wieder glücklich machen. Ich muss nicht etwa die Nacht durchtanzen, um die Sorgen des Alltags zu vergessen. Wertvolle, glücklich-machende Momente sind ganz einfach im Alltag zu entdecken. Von ein paar Beispielen aus meinen vergangen Wochen (neben dem Schauen von One Tree Hill)  möchte ich gern erzählen:

1.) Zurück in die Jugend

Seitdem wir umgezogen sind genieße ich (seit meiner WG-Zeit) wieder den Luxus eines „eigenen“ Zimmers. Es ist kein Schlafzimmer, kein Wohnzimmer, einfach erst einmal ein Zimmer zu meiner eigenen Verfügung. Sozusagen mein Arbeitszimmer und Hobbyraum zugleich. Manche Leute glauben nicht, dass ich das gebrauchen könnte – aber allerdings! Mit einem Zimmer kann ich immer etwas anfangen. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, es war etwas Besonderes für  mich. Doch bis vor kurzem fehlte noch etwas. Ich hatte zwar ein paar Möbel in dieses Zimmer gestellt und auch an meinem Schreibtisch gearbeitet, aber das „Besondere“ war noch nicht da. Das habe ich nun nachgeholt. Es war an einem Sonntag und ich fühlte mich entspannt. Also legte ich mir eine meiner Girly-CD’s aus Teenager-Zeiten (nein, die sind im Zuge meines Aussortierens natürlich nicht hinausgeflogen und ja, wer mich kennt, weiß ganz genau, von welchem Interpreten wir hier reden) in meine Stereo-Anlage aus Teenager-Zeiten ein und begann, mein Zimmer zu dekorieren.

Es fühlte sich an, als wäre ich in eine WG eingezogen. Es war ein gutes Gefühl. Nun, ihr müsst das richtig verstehen – dekorieren heißt bei mir nichts Krasses. Es heißt: Man nehme ein paar Postkarten, ein bisschen Washi Tape und ein paar Stoffreste und hänge das irgendwie in einer sinnvollen Anordnung an die Wand. Man nehme ein paar Kerzen und finde den richtigen Ort für sie im Zimmer. Man drehe das Regal so oft ein paar Millimeter nach links und rechts, bis man das Gefühl hat, dass es im perfekten Winkel steht. Viel mehr kann ich nicht. Aber das ist vollkommen in Ordnung, denn genau das macht mir Spaß. Genau dieses simple Aussuchen von der richtigen Postkarte für die richtige Stelle ist das was ich brauche, um abzuschalten. Im Zusammenhang mit einer Mainstream-girly-pop-Musik im Hintergrund mag das paradox klingen. Doch genau diese versetzte mich automatisch in Zeiten, in denen beispielsweise Schule meine größte Sorge war. Oder ein sinnloser Liebeskummer. Also nichts wirklich Lebensentscheidendes (Hab ich das laut gesagt? Bitte – nehmt die Schule ernst!). Es gab mir ein unbeschwertes Gefühl und ich fühlte mich jung. Ich weiß, das bin ich immer noch. Aber ich fühlte mich richtig jung. 😉

Ich mag es, mich in etwas scheinbar Simplem zu vertiefen – aus einer einfachen Aufgabe ein kleines Projekt zu machen und sich diesem mit so viel Zeit, wie man eben möchte, zu widmen. Das ist ein Luxus, den ich mir nicht häufig gönne, der mich aber zur Ruhe bringt und „große“ Probleme auf einmal nicht mehr so groß erscheinen lässt. Ich glaube, dass wir uns diesen Luxus deshalb genau dann gönnen sollten, wenn es rational und zeitlich betrachtet keinen Sinn macht.

2.) Kochen und Wein

Punkt zwei ist weniger kryptisch als Punkt eins, denn es ist genau das: Kochen und Wein. Wenn ich vor einigen Jahren gewusst hätte, dass ich das mal schreibe, hätte ich wohl über mich selbst gelacht. Früher hatte ich weder viel für Wein noch fürs Kochen übrig. Wein habe ich schnell als ein gemütliches Genuss-Getränk lieben gelernt und auch mit dem Kochen habe ich mich angefreundet (schlicht dadurch, dass ich gezwungen war, es zu tun). Die Kombination beider Dinge ist das Beste. Und ja, ich rede hier von allein kochen und dabei allein Wein trinken.

Ich bin jemand, der Dinge dann am besten tut, wenn er nicht zu viel darüber nachdenkt – sprich, allein für mich im stillen Kämmerlein und ohne das Gefühl, etwas präsentieren zu müssen, funktioniert es am besten. Deswegen koche ich am liebsten allein und am liebsten nur für meinen Mann und mich. Und ich experimentiere gern. Ab und zu koche ich auch nach einem Rezept, aber meistens habe ich einfach nur viel Gemüse, ein bis zwei Beilagen und kombiniere das zu irgendetwas auf irgendeine Art und Weise. Und das, ganz ohne unter Beobachtung zu sein, ohne Rechenschaft vor irgendjemandem ablegen zu müssen. Das klingt vielleicht albern, aber irgendwie gibt mir das ein besonderes Gefühl der Freiheit. Und wenn ich dann noch einen Wein dazu trinke, der Geruch der angebratenen Zwiebel in der Luft hängt, und irgendeine (vielleicht dieses Mal nicht ganz so anspruchslose) Musik im Hintergrund läuft, gehört das zu diesen schlichten Dingen, die mich jederzeit glücklich machen können.

3.) Gottesdienst am Sonntag morgen

Wer diesen Blog schon eine Weile liest oder mich persönlich kennt, weiß wahrscheinlich, dass ich Christ bin. Und für gewöhnlich gehe ich sonntags in den Gottesdienst – nicht, weil mich irgendjemand dazu zwingt oder aus Tradition. Ich tue das, weil ich tatsächlich daran glaube, dass der Schöpfer dieser Erde eine Beziehung zu uns Menschen haben möchte. Und ich möchte diese Beziehung pflegen.

Manchmal fällt es mir jedoch schwer, Sonntag früh aufzustehen. Oder mir ist nicht danach, mich unter viele Leute zu begeben. Das glaubt man mir zwar selten, aber es gibt tatsächlich Phasen in meinem Leben, in denen es mir schwer fällt „Konversation“ zu führen. (Mit Small Talk-Konversation tue ich mich im Allgemeinen schwer – siehe hier). Doch im Endeffekt bereue ich es nie, wenn ich mich trotzdem aufgerappelt habe und, auch wenn es erst nicht meinem Gefühl entsprach, in den Gottesdienst gegangen bin. Denn ganz egal wie es mir geht: ein Gottesdienst richtet mich auf das aus, was wirklich im Leben zählt. Gott ist meine Konstante und sich dieser bewusst zu machen, tut immer gut. Meist spricht mich eben doch die Predigt an, manchmal ist es schlicht die Gemeinschaft mit anderen Christen, die mich glücklich macht. Irgendetwas ist es immer. Denn all das ist auf das ausgerichtet, was wirklich im Leben zählt.

4.) Freunde im Alltag treffen

Keine Frage: es ist eine tolle Sache, sich am Wochenende zu einem langen Mädelsabend zu treffen, am besten inklusive Übernachtung. Oder am Samstag so richtig ausführlich und lang mit Freunden zu brunchen. Aber ich habe noch einmal ganz neu zu schätzen gelernt, wie toll es ist, Freunde im normalen Wochenalltag zu treffen, selbst wenn es nur kurz ist. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Das Wochenende ist schnell voll (Stichwort „Freizeitstress“…). Gefühlt versuche ich manchmal, mein ganzes Leben in diese zwei Tage zu pressen (was übrigens nicht funktioniert, also probier es gar nicht erst aus). Aber es ist so: Alle 7 Tage der Woche sind tatsächlich lebenswert!

Manchmal gehe ich von der falschen Annahme aus, dass ein Treffen nur dann sinnvoll ist, wenn ich viel Zeit habe – und oft ist es das auch, vor allem, wenn ich jemanden länger nicht gesehen habe. Aber manchmal reicht es genauso, sich kurz mit jemandem in der Mittagspause zu treffen oder zwischen zwei Vorlesungen 10 Minuten auf dem Campus zu quatschen. Oder, wie ich es derzeit tue, gemeinsam einen Sportkurs zu besuchen. Dabei kann ich nicht unbedingt viel mit meiner Freundin reden, aber ich teile Alltag mit ihr. Gemeinsam zu lernen ist ebenso eine schöne Möglichkeit, aus „geteiltem Leid halbes Leid“ zu machen. Es zeigt mir, dass es gar nicht so kompliziert sein muss, Zeit mit Freunden zu verbringen. Und es verbindet noch einmal auf ganz neue Weise.

Alles in allem glaube ich, dass es kontraproduktiv ist, in stressigen, to-do-geladenen Zeiten nach einem „glamouröseren“, „besseren“ Leben Ausschau zu halten. Ich stelle hiermit die These auf, dass du nichts Glamouröses brauchst, um deinen Sorgen zu entfliehen. Häufig sind es die einfachen Dinge, die sich ganz natürlich in den Alltag integrieren lassen, die uns glücklich machen können – vorausgesetzt wir sprechen ihnen diesen Wert auch zu. 10 Minuten mit einem Freund zu reden hat Wert. Ein leckeres Essen zu kochen hat Wert. Fühl dich ermutigt, diese scheinbar einfachen Dinge zu zelebrieren und dankbar für sie zu sein!

Was sind deine Glücksmomente im Alltag? Wodurch kommst du zur Ruhe und kannst deine Sorgen vergessen? Lass es mich gern in den Kommentaren wissen.

(Bald folgt, aufgrund unseres Umzugs, auch noch ein „Minimalismus-Update“! Wenn dich meine ersten drei Beiträge zu diesem Thema interessieren, kannst du sie gern in der Kategorie „Lifestyle“ nachlesen.)

Constanze

(Photo by Ariel Lustre)

Veröffentlicht in Gedanken, Lifestyle, Persönlichkeit

Wie ich das Motto „Less is more“ für mich entdeckte – Minimalismus #1

In den letzten Tagen ist es normal geworden, dass ich mit irgendeinem Gegenstand in der Hand am Schreibtisch meines Mannes auftauche und frage: „Also, Schatz, wenn du mal gaaaanz ehrlich zu dir selbst bist – das brauchst du doch nicht mehr, oder?“

Ja, das hat viel damit zu tun, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder umziehen. Als Kind habe ich mir Umziehen immer sehr aufregend vorgestellt. Mittlerweile weiß ich, dass es nicht nur aufregend ist, sondern  vor allem Nerven aufreibend. Und doch bietet jeder Umzug etwas Positives, dass ich nicht missen möchte: einen Neuanfang. Bisher verbinde ich jedes WG-Zimmer oder jede Wohnung, in der ich gelebt habe, mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl. Sie alle waren Teil verschiedener Phasen meines Lebens. Und so erhoffe ich mir auch von der nächsten Wohnung den Start in eine neue Phase und ein Stück weit in ein neues Lebensgefühl. Und das führt mich zurück zu meiner Ausgangssituation.

Denn nein, ich möchte es nicht nur vermeiden, über die Jahre hinweg angesammelten Müll mit in die nächste Wohnung zu transportieren. Ich möchte mehr. Beziehungsweise weniger. Ich möchte mehr „weniger“. Verwirrt? Lass es mich erklären.

Mich hat es gepackt: der Gedanke des sogenannten „Minimalismus‘“. Ich weiß nicht, ob es eine einheitliche Definition vom Lebensstil „Minimalismus“ gibt. Ich habe auch noch kein Buch darüber gelesen. Aber nach meiner Recherche in Zeitschriften und Internet geht es um folgendes: Nur solche Dinge zu besitzen, die wirklich eine Bereicherung für das eigene Leben sind und einem Freude bereiten. Dies hat meist zur Folge, erst einmal ordentlich auszusortieren. Und demzufolge zukünftig auch nur noch solche Dinge anzuschaffen, die diesem Kriterium entsprechen. Es geht darum, einen bewussten Umgang mit allem zu pflegen: mit Klamotten, mit Essen, mit Möbeln, … mit dem Leben an sich. Weg von Konsum ohne Ende und hin zu bewusstem Auswählen. Weg von massenhafter Müllproduktion und hin zu nachhaltigen Anschaffungen. Weg von Reizüberflutung in der eigenen Wohnung und hin zu dem Gefühl, „wieder atmen“ zu können. Es ist ein Gedanke von Nachhaltigkeit und einem bewussten Leben, ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr. Seit einem Monat etwa hat mich dieses Motto gefesselt und unser anstehender Umzug gibt mir die perfekte Möglichkeit, es praktisch umzusetzen.

Doch es geht nicht nur ums Ausmisten – dahinter steckt ein Lebenseinstellung, die mehr ist als nur ein Trend. Umso mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, umso mehr wurde mir bewusst, dass ich mit dieser Lebenseinstellung schon immer unbewusst sympathisiert hatte. Nur irgendwie war sie vom Lärm und Druck der Gesellschaft überlagert wurden…

Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, begann ich den für mich damals signifikanten „Schlabber-Look“, welcher lediglich aus einfarbigen „Schlabber-T-Shirts“ (und natürlich irgendeiner Hose) bestand. T-Shirts, die überhaupt nicht figurbetont waren und genau genommen auch etwas zu groß. T-Shirts, die es im Fünfer-Pack im Kaufland zu kaufen gab. Ich wollte wirklich, soweit es sich vermeiden ließ, nichts anderes tragen! Die große Frage ist: Warum? An meine genauen Beweggründe kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich glaube im Endeffekt ging es darum, dass ich bemerkte, dass ein Großteil meiner Umgebung anfing, mit irgendeiner Mode mitzugehen. Ich bemerkte, dass man theoretisch eine Riesenauswahl an Klamotten und Trends hatte. Und darauf hatte ich keine Lust. Warum sollte ich es mir schwer machen, wenn ich es auch leicht haben konnte? Einfach jeden Tag ein T-Shirt vom Stapel nehmen und wissen, woran man ist. Gar nicht erst anfangen, sich irgendwelche Gedanken über Mode zu machen, die sich sowieso immer wieder ändert.

Einige Jahre nach dieser Phase war es mir eher peinlich, dass ich mich in dieser Phase befunden hatte. Heute schau ich zurück und bin ein wenig stolz auf mich. Denn damals war es mir noch egal, was andere dachten. Ich wollte mir mein Leben nicht mit Klamotten verkomplizieren. Weniger war für mich mehr. Natürlich konnte auch ich als Teenager dem Druck der Mode nicht so ganz standhalten. Ich beendete meine Schlabber-Look-Zeit und versuchte irgendwie, hip auszusehen. Doch das gelang mir lange Zeit nicht wirklich und ich weiß noch, wie viele gedanklichen Kämpfe ich mit mir selbst darüber ausfocht, ob ich mit der Mode mitgehen wollte oder ob ich Shoppen „aus Spaß“ eigentlich komisch fand.

Als Jugendliche lebte ich nicht wirklich minimalistisch. Zwar bin ich nie massenhaft shoppen gegangen, besaß nie zwanzig verschiedene Labellos (ja, das war normal in meiner Jugendzeit) oder Unmengen an CD’s und DVD’s. Dennoch freute ich mich über alles, was dazukam und dachte unbewusst, dass jeder Gegenstand automatisch eine Bereicherung für mein Leben sein würde. Ganz nach dem Prinzip: Mehr ist besser. Das vermittelt unsere Gesellschaft uns schließlich, oder?

In den letzten Jahren veränderte sich einiges in meinem Leben. Neben offensichtlichen äußerlichen Veränderungen hinterfragte ich auch noch einmal ordentlich meine Persönlichkeit, meine Ziele, meine Herangehensweise ans Leben so an sich, meinen Glauben. Neben vielen anderen Erkenntnissen wurde mir immer bewusster, dass ich mich „reizüberflutet“ fühlte. Ich hatte das Gefühl, dass es zu viele verschiedene Bereiche in meinem Leben gab. Zu viele verschiedene Hobbys, denen ich mich nicht mit aller Kraft widmen konnte. Zu viele Freundschaften, in die ich nicht gleichermaßen investieren konnte. Zu viel What’s App, zu viele E-Mails. Zu viele Erwartungen anderer. Zu viel Gesellschaftsdruck. Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Kisten auf meinem Kleiderschrank, von denen ich nicht wusste, was überhaupt darin war. Zu viel kitschbunter Schmuck, den ich nicht mehr trug. Einfach zu viel von allem. Ich erkannte: Mehr ist nicht zwingend besser. Jedenfalls nicht für mich. Ich wollte wieder weniger.

Die Lösung dafür fand ich nicht so schnell. Lange Zeit verbrachte ich nur damit, das Problem in verschiedenen Bereichen meines Lebens zu erkennen – und das war wichtig. Einer der Punkte, an dem ich wusste, dass ich definitiv etwas ändern musste, war die Rückkehr aus unserem diesjährigen Urlaub. Nachdem wir eine Woche in einem schlichten, schicken Hotel verbracht hatten, fühlte sich unsere Wohnung zu Hause einfach nur überfüllt und chaotisch an und ich konnte nicht schlafen, bis ich kurzerhand ein paar Dinge aus dem Schlafzimmer verbannte. Zum ersten mal bemerkte ich wirklich, wie viel unnütze Gegenstände ich besaß.

Versteht mich nicht falsch: Minimalismus ist nicht die ultimative Antwort auf meine Probleme. Es ist nicht der eine Lebensstil, der mir alles leichter machen wird. Doch es ist ein Ansatz, der mir hilft, fokussiert zu bleiben und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dies soll der erste Beitrag einer Blog-Reihe zum Thema Minimalismus sein. In den kommen Beiträgen wirst du etwas mehr über meine praktische Herangehensweise erfahren und ich werde ein paar Tipps zum Aussortieren teilen. Doch mehr als das möchte ich dich ermutigen, dich für ein bewussteres Leben zu entscheiden. Hier folgen deshalb abschließend noch einmal zusammengefasst vier Aspekte, die mich von einem minimalistischen Lebensstil überzeugen:

  • Die Welt redet uns ein, dass wir viel besitzen müssen. Dass wir viel konsumieren müssen. Dass wir nur glücklich sein können, wenn wir viel besitzen. Und das ist kein Wunder – Firmen verdienen daran. Doch werde ich dadurch wirklich nachhaltig glücklich? Und will ich wirklich jeder Firma mein Geld hinterherwerfen? Jeder Firma, die ihre Angestellten schlecht bezahlt und ihre Produkte billig, ungesund oder umweltverschmutzend produziert? Nein, ich möchte bewusst gute Produkte auswählen. Und ja, Gutes hat seinen Preis. Demzufolge kann ich nicht mehr so viel kaufen, aber das brauche ich auch nicht, weil Gutes meist länger hält. Bewusst auszuwählen bedeutet, bewusst Gutes zu unterstützen. Weniger zu besitzen bedeutet, in dieses Wenige besser investieren zu können.
  • Ich persönlich kann mich nicht konzentrieren, wenn mein Zimmer voller Dinge ist, zu denen ich keine „Beziehung“ habe. Oft sind sie nur da, weil ich ein schlechtes Gewissen haben würde, wenn ich sie wegschmeißen oder verschenken würde. Doch will ich mir wirklich von Gegenständen ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Also weg damit!
  • Weniger zu besitzen bedeutet für mich, mich besser auf die (nicht-gegenständlichen) Dinge konzentrieren zu können, die wirklich Wert haben. Ich erwähnte bereits, dass ich mich in vielen verschiedenen Bereichen reizüberflutet gefühlt habe, wie zum Beispiel bei Hobbys und in Beziehungen. In solchen Bereichen ist es nicht immer so leicht, Überforderungen vorzubeugen. Warum also nicht wenigstens dort reduzieren, wo Überforderung leicht reduziert werden kann?
  • Und letztendlich noch einmal ganz praktisch gedacht: Weniger zu besitzen bedeutet mehr Platz! Mehr Platz auf dem Schreibtisch, mehr Platz im Küchenschrank, mehr Platz im Regal… Irgendeiner dieser Orte platzt bestimmt auch bei dir aus allen Nähten. Und falls du dich auch in so einer Phase deines Lebens befindest, in der du immer mal wieder umziehen musst, erleichtert dich das Aussortieren eventuell um ein paar Kisten.

Was hältst du von einem minimalistischen Lebensstil? In welchen Bereichen fällt es dir persönlich schwer, dich von Gegenständen zu trennen? Schreib mir gern deine Gedanken dazu in die Kommentare!

Constanze

(Photo by Khai Sze Ong on Unsplash)